Der erste Podcast von iks.haus

Podcast Wien: Wenn der eigene Therapeut zum Co-Host wird

Here We Are ist der erste Podcast von iks.haus: Kresho und sein früherer Therapeut reden über ADHS, Trauma und Chemsex.

Podcast Wien: Kresho reagiert spontan mit Kopfhörern am Mikrofon in einem hellen Aufnahmeraum
Podcast Wien: Kresho reagiert spontan mit Kopfhörern am Mikrofon in einem hellen Aufnahmeraum
Oktober 12, 2026

„Here We Are“ will als Podcast Wien und ganz Europa erreichen: Die erste Eigenproduktion von iks.haus startet mit vier Teilen und knapp 59 Minuten über Therapie, ADHS, Trauma und Chemsex. Gesprochen wird Englisch, deutsche Untertitel laufen direkt im Bild mit, englische folgen auf YouTube. Weitere Podcasts von iks.haus sind bereits in Vorbereitung und starten bald.

Am Mikrofon sitzen zwei Kroaten, die sich aus einem Raum kennen, in dem sonst niemand mithört: iks.haus-Gründer Kresho und Tomislav Bišić-Pauletić aus Rovinj, MA und Psychotherapy Counsellor. Tomislav war drei Jahre lang Kreshos Therapeut. Jetzt drehen die beiden das Setting um und reden öffentlich über Themen, die sonst hinter verschlossenen Türen bleiben.

Im vierten Teil kommt ein Gast dazu: Dr. med. Alexandru-Teodor Zaharie, FECSM. Der Rahmen ist klar, denn iks.haus schreibt für LGBTIQ+ Menschen, Menschen mit Behinderung und Sprachminderheiten, Motto ALL&EQUAL, und übersetzt jeden Artikel automatisch in neun europäische Sprachen. Ein Skript gibt es trotzdem nicht: Kresho will „einfach mit dem Flow gehen“.

Podcast Wien: Was passiert, wenn uns die Worte fehlen?

Leerer Restaurantplatz, an dem Erinnerungen unerwartet zurückkehrten

iksHaus | KI-generiert nach redaktioneller Konzeption, 2026

Gleich zu Beginn gesteht Kresho, dass ihm „in allen Sprachen die Worte fehlen“. Für Tomislav ist genau das ein Schlüsselmoment jeder Therapie: Wenn uns die Worte fehlen, gehen wir nach innen und suchen Antworten auf Fragen, die wir nie gestellt haben. Er beruft sich dabei auf den Wiener Physiker und Kybernetiker Heinz von Foerster, für den der Ausweg aus einem Problem darin liegt, möglichst viele Möglichkeiten zu schaffen.

Warum ein Magazin überhaupt über Psychotherapie spricht, erklärt Kresho mit einem Satz, der Tomislav sofort überzeugt hat: Wenn iks.haus auch nur einem Menschen hilft, ist das schon ein Gewinn. Dahinter steht eigene Erfahrung, denn Kresho spürte anderthalb Jahre lang keinen Fortschritt, obwohl sein Therapeut ihn längst sah. Das sei völlig normal, antwortet Tomislav: Therapie heißt begleiten und bewusst machen, wo man gerade steht.

Kresho bringt eine Beobachtung mit, die viele queere Menschen kennen: LGBTIQ-Personen haben häufiger psychische Probleme, und die Schuld liegt nicht bei ihnen, sondern bei der Gesellschaft. Tomislav nennt das Phänomen beim Fachnamen: Minderheitenstress, ein Modell, das der US-Forscher Ilan H. Meyer geprägt hat. Viele holen sich trotzdem keine Hilfe, vermutet Kresho, weil sie glauben, wer zum Therapeuten geht, sei verrückt.

Wie konkret diese Belastung ist, zeigt der österreichische LGBTIQ+ Gesundheitsbericht 2022: 53 Prozent der befragten LGBTIQ+ Personen hatten in den zwölf Monaten davor eine Depression. In der Gesamtbevölkerung waren es laut Gesundheitsbefragung 2019 nur sechs Prozent. Für Tomislav ist Leiden deshalb das erste Warnsignal, um das man sich kümmern muss, egal ob es aus der Familie oder aus der Gesellschaft kommt.

Wie tief solches Leiden sitzen kann, zeigt Kreshos eigene Geschichte. Lange hielt er es für normal, sich kaum an die eigene Kindheit zu erinnern, während seine Schwester jedes Detail parat hatte. Tomislav ordnet ein: Lücken im Gedächtnis können auf ein Trauma hinweisen, denn Amnesie ist im Grunde ein Selbstschutz des überlasteten Nervensystems. Nach Erinnerungen gegraben wird in seiner Therapie trotzdem nicht.

„Wir machen die Arbeit“, sagt Tomislav, und was zurückkommt, darf zurückkommen. Bei Kresho kam es zurück, einmal als regelrechter Fluss von Erinnerungen in einem Restaurant, zuletzt als Bild eines Autounfalls, das seine Schwester bestätigte. Heute fühlt er sich dadurch „als Mensch vollständiger“. Die Mauern, die er früher um sich gebaut hatte, waren kein Selbstrespekt, sondern Angst, wieder verletzt zu werden.

„Das erste Anzeichen ist Leiden, emotionales Leiden. Wenn du emotional leidest, heißt das, dass etwas nicht in Ordnung ist.“

Tomislav Bišić-Pauletić, MA, Psychotherapy Counsellor

Ist ADHS bei Erwachsenen nur ein Trend?

Ruhiger Erwachsener sitzt einem Psychiater in einem weitläufigen Beratungsraum gegenüber

iksHaus | KI-generiert nach redaktioneller Konzeption, 2026

Neurodiversität ist das meistgelesene Thema im Magazin, und der zweite Teil zeigt, warum. Kresho erfuhr erst durch die Therapie, dass er ADHS hat. Auf Tomislavs Drängen ließ er sich von einem Psychiater testen, der zunächst zweifelte, weil Kresho ruhig vor ihm saß. Zwei Monate später fragte der Arzt, wie es ihm gehe, und Kresho sagte: Er habe sich noch nie so ruhig gefühlt.

Tomislav, der selbst ADS hat, erklärt den Unterschied ohne Fachjargon: Bei ADHS kommt zur Aufmerksamkeitsproblematik oft motorische Unruhe dazu, bei ADS fehlt diese Unruhe. Von „Störung“ spricht er ungern, denn niemand findet einen guten Umgang mit sich, wenn er als gestört abgestempelt wird. Er beschreibt ADHS lieber als eine andere Verschaltung des Gehirns, in der Schule hielt er sich selbst für dumm.

Für Kresho fand Tomislav einmal ein Bild, das hängen geblieben ist: Bei Kreshos Zeugung kam der Elektriker in Eile und steckte alle Kabel hastig zusammen. „Alles funktioniert, aber es ist durcheinander.“ Wichtiger als jede Definition ist Tomislav der Platz, an dem ein Mensch lebt und arbeitet. Am richtigen Platz funktionieren Menschen mit ADHS oder ADS hervorragend, am falschen sammeln sie vor allem Schuldgefühle.

Dass ADHS gerade explodiert, hält Tomislav für einen Irrtum: Heute gebe es schlicht die Mittel, es auch bei Erwachsenen zu erkennen, während es vor 30 Jahren fast nur bei Kindern gesehen wurde. Laut den World Mental Health Surveys der WHO haben im Schnitt 2,8 Prozent der Erwachsenen ADHS, in Ländern mit hohem Einkommen 3,6 Prozent. Hilfe suchen die Betroffenen in allen untersuchten Ländern selten.

Mehr Hintergrund liefert der iks.haus-Artikel Neurodiversität: Begriffe, Modelle und Barrieren. Im Podcast wird schnell klar, dass sich nicht alles auf ADHS zurückführen lässt. Kresho trank früher, bis er nicht mehr stehen konnte, doch hinter der Impulsivität standen auch Krieg, Traumata und eine posttraumatische Belastungsstörung. Als Kresho ihm ein Wunder zuschreibt, winkt Tomislav ab: „Das ist einfach Therapie.“

Im dritten Teil vertieft Tomislav das Thema mit einem Gedanken, den er dem Arzt Gabor Maté zuschreibt: Trauma ist nicht, was dir passiert ist, sondern deine Reaktion darauf. Die meisten schwierigen Erlebnisse führen nicht zu einem Trauma, sondern zu posttraumatischem Wachstum. Problematisch wird es erst, wenn eine Belastung zu viel für das Nervensystem ist und wir abschalten oder abspalten.

Danach geht es um Beziehungen zwischen jüngeren und älteren schwulen Männern, ein Thema, in dem sich Kresho wiedererkennt. Die iks.haus-Serie zum Altersunterschied kommt zu einem klaren Befund: Das Alter zählt nur, wenn zwei Menschen nicht persönlich verbunden sind. Ein Ausblick führt in die Geschichte: Der Triestiner Historiker Marco Reglia hat rekonstruiert, wie homosexuelle Männer im österreichischen Küstenland bis 1943 behandelt wurden.

Warum ist Chemsex mehr als eine Drogenfrage?

Hände öffnen aus eigener Sicht die Tür zu einer unbeschrifteten Anlaufstelle in Wien

iksHaus | KI-generiert nach redaktioneller Konzeption, 2026

Für den vierten Teil kommt Dr. med. Alexandru-Teodor Zaharie, FECSM, ins Studio, Strahlenonkologe mit Schwerpunkt Sexualmedizin. Er stellt gleich klar, dass er kein Suchtexperte ist, aber in der Szene und der LGBTIQ-Community lebt, selbst ADHS hat und das Thema in einem Kurs an seiner Universität unterrichtet. Sein Ansatz: weniger auf die Substanz schauen, mehr auf Situation, Kontext und Verhalten.

Zaharie beschreibt Chemsex als Phänomen, das als Begriff fast ausschließlich unter schwulen Männern und anderen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), entstanden ist. Er grenzt es von der sexuellen Befreiung der 1960er-Jahre ab und liest es eher als Reaktion auf Minderheitenstress, Stereotype und religiöse Abwertung. Es gehe darum, die Macht über den eigenen Körper zurückzugewinnen, oft schlicht um Erfahrung und Nähe.

Das Hauptproblem, auf das sich laut Zaharie alle einigen, ist die Polytoxikomanie: Fast immer werden mehrere Drogen kombiniert. Entscheidungen unter verändertem Bewusstsein stellen den Konsens infrage, gerade wenn Substanzen die Wahrnehmung beim Sex dämpfen. Im Gespräch wird daraus eine existenzielle Frage: Ist das Freiheit, oder verlieren wir unsere Freiheit unter diesen Chemikalien?

Zaharie zieht eine Parallele zu ganz gewöhnlichen Nächten: Wer im Club mit angeschlagenem Selbstvertrauen trinkt, lässt sich leichter auf eine mittelmäßige Begegnung ein, nur um nicht allein nach Hause zu gehen. Dating-Plattformen kürzen zudem das Werben, die Spannung und die Neugier ab. Was bleibt, ist ein Kreislauf garantierter Ereignisse, und genau diese Gewöhnung kann in Suchtverhalten kippen.

Wichtig ist ihm die Abgrenzung: Fachlich passender sei heute der Oberbegriff „sexualisierter Substanzkonsum“. Ein Paar, das im Club einvernehmlich etwas nimmt und danach zu Hause Sex hat, fällt nicht unter Chemsex. Auch dann gelte aber: Ziele nüchtern festlegen, nur mit Menschen konsumieren, denen man vertraut, und das Setting ernst nehmen, denn am Ende entscheidet der Rahmen.

Tomislav beschreibt Chemsex aus therapeutischer Sicht als Cocktail: ein paar intensive Stunden, in denen Menschen Begehren, Bestätigung und Zugehörigkeit bekommen, die ihnen im Alltag fehlen. Zaharie beobachtet bei Freunden eine Verschiebung: Früher drehten sich auf einer zwölfstündigen Party rund zehn Stunden um Sex, heute oft nur noch zwei. Mehr dazu im iks.haus-Artikel Wenn Risiko beim Chemsex normal erscheint.

„Statt sich so sehr auf die Substanz selbst oder die Droge zu konzentrieren, ist es sehr gut, die Situationen einzubeziehen, den Kontext, in dem es auftritt.“

Dr. med. Alexandru-Teodor Zaharie, FECSM

„Here We Are“ zeigt, wie ein Magazin zur Bühne für Gespräche werden kann, die sonst im Therapieraum bleiben. Tomislavs Grundregel gilt dabei für jedes Thema: Das Erste ist, nicht zu urteilen, das Zweite, zu verstehen. Kresho fasst seinen eigenen Weg mit seinem Lieblingssatz zusammen, der auch als Motto für die ganze Folge taugt: Selbst ein schlechter Tag ist ein guter Tag.

Wer selbst Unterstützung sucht, findet im iks.haus-Überblick Psychische Hilfe in Wien: Neuer Atlas bündelt Angebote passende Anlaufstellen in der Stadt. Alle vier Teile von „Here We Are“ erscheinen auf YouTube, und die nächsten Podcasts von iks.haus sind bereits in Arbeit. ALL&EQUAL bleibt dabei das Motto: Hier sind wir, und wir reden darüber, offen und ohne Scham.

Keinen Beitrag verpassen

Einmal pro Woche die besten Storys direkt in dein Postfach.

FAQ

Was ist der Podcast Here We Are von iks.haus?

Here We Are ist die erste eigene Podcast-Produktion des Wiener Online-Magazins iks.haus. In der ersten Folge sprechen Gründer Kresho und Tomislav Bišić-Pauletić offen über Therapie, Minderheitenstress, ADHS, Trauma und Chemsex.

Wo kann ich die erste Folge von Here We Are ansehen?

Die erste Folge erscheint in vier Teilen mit zusammen knapp 59 Minuten auf YouTube. Gesprochen wird Englisch, deutsche Untertitel sind direkt im Bild, englische Untertitel gibt es zusätzlich auf YouTube.

Was bedeutet Minderheitenstress für LGBTIQ-Personen?

Minderheitenstress beschreibt die zusätzliche psychische Belastung durch Stigma, Vorurteile und Diskriminierung. Laut LGBTIQ+ Gesundheitsbericht 2022 hatten 53 Prozent der befragten LGBTIQ+ Personen in Österreich binnen zwölf Monaten eine Depression.

Wie häufig ist ADHS bei Erwachsenen wirklich?

Laut den World Mental Health Surveys der WHO haben im Schnitt 2,8 Prozent der Erwachsenen ADHS, in Ländern mit hohem Einkommen 3,6 Prozent. Lange galt ADHS als reine Kinderdiagnose, heute wird es auch bei Erwachsenen erkannt.

Was versteht man unter Chemsex und warum ist er riskant?

Chemsex bezeichnet Sex unter dem gezielten Einfluss von Drogen, vor allem unter Männern, die Sex mit Männern haben. Als besonders riskant gilt die Kombination mehrerer Substanzen. Fachlich spricht man zunehmend von sexualisiertem Substanzkonsum.