Alexander III. von Makedonien, bekannt als Alexander der Große, lebte von 356 bis 323 v. Chr. In dreizehn Regierungsjahren besiegte er das persische Achämenidenreich und veränderte die politische und kulturelle Ordnung der antiken Welt.
Die Sexualität Alexanders des Großen lässt sich dennoch nicht eindeutig bestimmen. Kein zeitgenössischer Bericht über sein Leben ist vollständig erhalten. Die maßgeblichen Darstellungen entstanden erst Jahrhunderte später und folgten jeweils eigenen politischen, moralischen oder literarischen Interessen. Für die heutige Lektüre in Österreich ist deshalb entscheidend, antike Beziehungen nicht vorschnell mit modernen Identitätsbegriffen gleichzusetzen.
Sexualität Alexanders des Großen im Quellencheck

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Das heutige Wissen beruht vor allem auf Arrian, Plutarch, Quintus Curtius Rufus, Diodor und Justin. Sie griffen auf heute verlorene Berichte von Alexanders Zeitgenossen und Generälen zurück. Arrian konzentrierte sich auf Feldzüge und Verwaltung. Plutarch suchte nach charakterlichen Tugenden und Schwächen. Curtius Rufus deutete Alexanders Leben als Geschichte moralischen Verfalls durch uneingeschränkte Macht. Diodor und Justin bevorzugten häufig dramatische Episoden.
Diese Distanz erschwert Aussagen über Alexanders Privatleben. Begriffe wie heterosexuell, homosexuell oder bisexuell stammen aus einer wesentlich späteren Epoche. In der griechischen und makedonischen Antike wurden sexuelle Beziehungen stärker nach Alter, gesellschaftlichem Status und Machtverteilung bewertet.
Auch Berichte über Alexanders frühe Zurückhaltung bleiben mehrdeutig. Eine Erzählung über die thessalische Kurtisane Kallixena wurde von antiken Autoren als Beleg für Selbstbeherrschung verstanden. Moderne Deutungen sahen darin dagegen einen möglichen Hinweis auf ein geringes Interesse an Frauen. Keine dieser Lesarten lässt sich endgültig beweisen.
Politische Ehen und die Ordnung des Hofes

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Alexander wuchs am Hof seines Vaters Philipp II. auf. Dort waren Ehen, intime Beziehungen und dynastische Interessen eng mit Macht verbunden. Philipp hatte laut der überlieferten Aufstellung mindestens sieben offizielle Ehefrauen. Jede Verbindung sollte politische Bündnisse sichern. Alexanders Mutter Olympias stammte aus Epirus und nahm als Mutter des Thronfolgers eine zentrale Stellung ein.
Auch Alexanders eigene Ehen hatten eine politische Funktion. 327 v. Chr. heiratete er Roxane, die Tochter des baktrischen Herrschers Oxyartes. Antike Erzählungen beschrieben die Verbindung als Liebesheirat. Zugleich half sie, lokale Eliten in Baktrien und Sogdien an Alexanders Herrschaft zu binden.
Bei den Hochzeiten von Susa im Jahr 324 v. Chr. heiratete Alexander Stateira, eine Tochter von Dareios III., und Parysatis, eine Tochter von Artaxerxes III. Zugleich wurden zahlreiche makedonische Offiziere mit Frauen aus persischen Adelsfamilien verheiratet. Mehr als 10.000 bereits bestehende Verbindungen makedonischer Soldaten mit Frauen asiatischer Herkunft wurden anerkannt. Nach Alexanders Tod lösten fast alle führenden Offiziere ihre Ehen wieder. Seleuk und Apama bildeten die im Ausgangstext genannte Ausnahme.
Hephaistion und Bagoas im Spiegel der Überlieferung

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Hephaistion war Alexanders engster Gefährte und bekleidete hohe militärische sowie administrative Ämter. Beide waren ungefähr gleich alt und kannten einander seit ihrer Jugend. Ihre Beziehung entsprach daher nicht dem üblichen Modell zwischen einem älteren Mann und einem jüngeren Schützling.
Antike Autoren bezeichneten ihre Bindung meist als philia, also Freundschaft. Zugleich stellten Alexander und Hephaistion eine Verbindung zu Achilles und Patroklos her. Bei ihrem Besuch in Troja soll Alexander den Ort des Achilles geehrt haben, während Hephaistion Patroklos würdigte. In der klassischen griechischen Literatur konnte dieses Paar auch romantisch und sexuell interpretiert werden. Ob Alexander und Hephaistion eine körperliche Beziehung führten, bleibt mangels ausdrücklicher zeitgenössischer Belege offen.
Bagoas war ein persischer Eunuch und Tänzer, der Alexander nach dem Tod von Dareios III. übergeben wurde. Plutarch berichtet von einem öffentlichen Kuss nach einem Tanzwettbewerb in Karmanien. Curtius Rufus und Athenaios deuteten Alexanders Nähe zu Bagoas als Zeichen nachlassender Selbstkontrolle. Diese moralische Bewertung verrät ebenso viel über die Autoren und ihre Gesellschaften wie über Alexander selbst.
Pothos, Arete und Alexanders Selbstbild
Arrian verwendete den Begriff pothos, um Alexanders Drang nach dem Entfernten und scheinbar Unerreichbaren zu beschreiben. Dieser Antrieb sollte erklären, warum er militärisch riskante Unternehmungen verfolgte, etwa den Marsch zum Orakel von Siwa oder den weiteren Vorstoß in Indien.
Der Begriff arete bezeichnete Exzellenz und den Willen, andere zu übertreffen. Alexander orientierte sich an Herakles und Achilles und wollte zugleich die Leistungen seines Vaters überragen. Der Ausgangstext verbindet diese Maßlosigkeit mit seinen politischen Entscheidungen, seiner Trauer und seinen besonders intensiven Beziehungen.
Trauer um Hephaistion und politischer Kult
Hephaistion starb 324 v. Chr. in Ekbatana nach einer Erkrankung. Die späteren Berichte schildern Alexanders Reaktion als außergewöhnlich heftig. Er ließ Trauerrituale anordnen, hielt Hephaistions Namen in der von ihm geführten Reitereinheit fest und plante eine aufwendige Bestattung in Babylon.
Alexander ersuchte außerdem das Orakel von Siwa um eine religiöse Aufwertung des Verstorbenen. Hephaistion wurde nicht als Gott anerkannt, durfte aber als göttlicher Heros verehrt werden. Diese Ehrung verband persönliche Trauer mit Herrschaftspolitik und stärkte zugleich Alexanders eigenen Anspruch auf eine Stellung über gewöhnlichen Menschen.
Wie spätere Epochen Alexander neu deuteten
Die Interpretation von Alexanders Beziehungen veränderte sich mit den gesellschaftlichen Normen der Forschenden. W. W. Tarn wies im 20. Jahrhundert homosexuelle Deutungen zurück. Spätere Historiker wie Paul Cartledge, Daniel Ogden und Robin Lane Fox behandelten die Beziehungen zu Hephaistion und Bagoas offener, warnten jedoch vor einer bloßen Übertragung moderner Kategorien.
Mary Renault rückte Bagoas 1972 im Roman „The Persian Boy“ ins Zentrum. Oliver Stones Film Alexander aus dem Jahr 2004 zeigte Alexanders emotionale Anziehung zu Männern ebenfalls deutlich. Solche Werke beeinflussten die öffentliche Wahrnehmung, ersetzen jedoch keine kritische Prüfung der antiken Überlieferung.
