Man hört Henning May meist, bevor man ihn wirklich sieht. Seine Stimme klingt tief, rau und älter als der Mann, dem sie gehört. Sie kann flüstern, knarren, brechen und im nächsten Augenblick einen ganzen Konzertsaal tragen. Ausgerechnet diese Stimme machte AnnenMayKantereit zu einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Bands ihrer Generation. Doch sie erklärt nicht allein, warum die Gruppe seit mehr als einem Jahrzehnt so viele Menschen erreicht.
Hinter dem Wiedererkennungswert steht eine Bandgeschichte, die nicht mit einem Casting, einer Marketingstrategie oder einem fertigen Karriereplan begann. Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit lernten sich am Schiller-Gymnasium im Kölner Stadtteil Sülz kennen. 2011 gründeten sie ihre Band, spielten auf Schulveranstaltungen und begannen als Straßenmusiker. Aus ihrem Nachnamen entstand ein Bandname, der zunächst sperrig wirkte und später zum festen Begriff im deutschsprachigen Pop wurde.
Heute spielen AnnenMayKantereit in Arenen. Geblieben sind jedoch wesentliche Elemente ihrer frühen Jahre: live eingespielte Musik, sichtbare Freundschaft, ein Misstrauen gegenüber glatter Perfektion und Texte, die Nähe nicht durch große Metaphern, sondern durch konkrete Beobachtungen herstellen. Parallel dazu veränderte sich Henning May. Aus einem Sänger, der politisches Engagement lange als Privatsache verstand, wurde eine öffentliche Stimme gegen Rechtsextremismus, Rassismus und humanitäre Gleichgültigkeit.
Drei Schulfreunde werden zu einer Band
Die frühe Geschichte von AnnenMayKantereit ist eng mit Köln verbunden. Die drei Gründungsmitglieder spielten draußen, auf Wiesen und an Straßenecken. Dort gab es weder aufwendige Bühnentechnik noch Schutz vor einem gleichgültigen Publikum. Wer stehen blieb, tat es wegen der unmittelbaren Wirkung der Musik. Diese Jahre prägten eine Arbeitsweise, in der das gemeinsame Spielen wichtiger blieb als eine makellose Studiokonstruktion.
Bei einer Jam-Session kam zunächst der Kontrabassist Lars Lötgering hinzu. Später übernahm Malte Huck den Bass und blieb bis 2020 Teil der Band. Seit 2022 unterstützt Sophie Chassée AnnenMayKantereit live am E-Bass. Dazu kamen auf Tour Bläserinnen, Streicherinnen sowie weitere Musikerinnen und Musiker. Der Kern blieb Christopher Annen an der Gitarre, Severin Kantereit am Schlagzeug und Henning May als Sänger und Pianist.
2013 veröffentlichte die Band ein selbst aufgenommenes Album. Einige Aufnahmen entstanden noch in der Atmosphäre ihrer Straßenmusikzeit. Videos auf YouTube verbreiteten Songs wie „Wohin du gehst“ weit über Köln hinaus. Danach folgten Festivalauftritte, Tourneen als Support für die Beatsteaks und Clueso sowie die EP „Wird schon irgendwie gehen“, die mit Produzent Moses Schneider in den Berliner Hansa-Studios live eingespielt wurde.

Der Erfolg kam ohne fertigen Karriereplan
Mit „Alles nix Konkretes“ gelang 2016 der große Durchbruch. Das Album erreichte in Deutschland und Österreich Platz eins. Lieder wie „Pocahontas“, „Oft gefragt“ und „Barfuß am Klavier“ verbanden reduzierte Arrangements mit Texten über Trennung, Familie, Unruhe und die Schwierigkeit, Gefühle klar auszusprechen. Die Band klang zugänglich, ohne vollständig berechenbar zu werden.
„Schlagschatten“ folgte 2018, „12“ im Pandemiejahr 2020 und „Es ist Abend und wir sitzen bei mir“ im März 2023. Das jüngste Studioalbum erreichte erneut die Spitze der deutschen Charts. Aus dem Straßenmusiktrio war längst ein großer Live-Act geworden, doch die Arrangements behielten hörbare Luft. Klavier, Gitarre, Schlagzeug und Mays Stimme mussten nicht hinter einer dichten Produktion verschwinden.
Auch Kollaborationen erweiterten seine Reichweite. Henning May sang den Refrain von K.I.Zs „Hurra die Welt geht unter“ war mit Juju auf dem Nummer-eins-Hit „Vermissen“ zu hören und nahm mit den Giant Rooks eine Version von „Tom’s Diner“ auf, die international viral wurde. Er passte in Hip-Hop, Indie und Pop, ohne dabei seine Stimme neutralisieren zu müssen.
Eine Stimme zwischen Verletzlichkeit und Kraft
Mays rauer Bariton wird häufig mit dem von älteren Blues-, Soul- oder Rocksängern verglichen. Interessanter ist jedoch, wie er ihn einsetzt. Die Stimme klingt nicht nur kräftig, sondern auch körperlich angreifbar. Atem, Reibung und Bruchstellen bleiben hörbar. Dadurch wirken selbst einfache Sätze wie private Eingeständnisse, die zufällig ein großes Publikum erreichen.
Diese Qualität passt zu den Texten der Band. AnnenMayKantereit schreibt oft über Wohnungen, Züge, Küchen, Beziehungen und Erinnerungen. Das Politische war anfangs weniger sichtbar als das Persönliche. Doch bereits die frühen Lieder beschäftigten sich mit Herkunft, Zugehörigkeit und der Frage, was ein Zuhause ausmacht. Später rückte die gesellschaftliche Gegenwart deutlicher in den Mittelpunkt.
Der Erfolg hatte für May auch eine Kehrseite. In Interviews sprach er über Dauerstress, fehlenden Rückzug und das irritierende Gefühl, einen Jugendtraum verwirklicht zu haben, ohne automatisch zufrieden zu werden. Tourneen bedeuteten große emotionale Momente, aber auch permanente Nähe, Verantwortung und den Verlust der alltäglichen Anonymität. Diese Ambivalenz wurde zu einem zentralen Bestandteil seines Schreibens.
Henning May wurde 1992 in Köln geboren
Henning May kam am 13. Januar 1992 als Henning Gemke in Köln zur Welt. Er wuchs mit seinem Bruder bei seinem Vater auf. Den Namen May, den Familiennamen seines Vaters, wählte er später als Künstlernamen. In Gesprächen beschreibt er die Beziehung zu seinem Vater als prägend. Sie gehört zu jenem biografischen Hintergrund, aus dem auch die emotionale Genauigkeit vieler Lieder verständlicher wird.
Am Schiller-Gymnasium traf er Christopher Annen und Severin Kantereit. Die Schule bot mit ihren Musikprogrammen einen Raum, in dem gemeinsames Musizieren selbstverständlich werden konnte. Nach dem Abitur entschieden sich die drei nicht für einen klassischen Ausbildungsweg in der Musikindustrie. Sie gründeten eine Band und lernten ihr Publikum direkt kennen, zunächst ohne Distanz zwischen Straße und Bühne.
May lebt seit mehreren Jahren in Berlin, bleibt künstlerisch aber stark mit Köln verbunden. Das zeigt sich nicht nur in der Geschichte der Band, sondern auch in Liedern wie „Tommi“, in denen die Stadt als konkrete emotionale Landschaft erscheint. Köln ist bei AnnenMayKantereit keine austauschbare Herkunftsangabe. Es ist Teil ihres Tons.

Das Jahr 2020 veränderte seine politische Sprache
Henning May erklärte später, dass der rassistische Anschlag in Hanau im Februar 2020 bei ihm einen starken politischen Lernprozess auslöste. Neun Menschen wurden aus rassistischen Motiven ermordet. May begann, sich intensiver mit Rechtsextremismus, strukturellem Rassismus, dem NSU-Komplex und den Versäumnissen staatlicher Institutionen auseinanderzusetzen. Dabei sprach er nicht von plötzlicher moralischer Gewissheit, sondern auch von der Erkenntnis der eigenen Unwissenheit.
Zuvor hatte er sein politisches und karitatives Engagement bewusst als Privatperson betreiben wollen. 2020 änderte sich diese Haltung. In einem Interview sagte er, reine Empörung und Social-Media-Posts seien für ihn kein ausreichendes politisches Handeln. Wer etwas verändern wolle, müsse sich organisieren, Parteien beeinflussen, Initiativen unterstützen und konkrete Verantwortung übernehmen.
Das Album „12“ dokumentiert diese Verschiebung. Es entstand während der Pandemie und thematisiert Einsamkeit, gesellschaftliche Angst, politische Wut und die Frage, wie Krisen ungleich verteilt werden. Der Titel behauptete, es sei nicht mehr fünf vor zwölf. Für die Band war die kritische Gegenwart bereits eingetreten. May bezeichnete AnnenMayKantereit trotzdem nicht als Protestband. Das Politische erschien als Erweiterung ihrer Perspektive, nicht als neues Markenbild.
Aktivismus als konkrete Handlung
Mays Engagement lässt sich an mehreren öffentlich dokumentierten Entscheidungen ablesen. Er ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und trat 2020 bei einer Jubiläumsveranstaltung der Partei auf. Im selben Jahr beteiligte sich AnnenMayKantereit am globalen Klimastreik von Fridays for Future in Berlin. Später spielte die Band bei einer Mahnwache für das vom Braunkohletagebau bedrohte und inzwischen geräumte Dorf Lützerath.
Auch die europäische Flüchtlingspolitik wurde zu einem Schwerpunkt. AnnenMayKantereit beteiligte sich 2020 an „Los für Lesbos“, einer Spendenaktion zugunsten von Organisationen an den europäischen Außengrenzen. Bei den SOS Sessions spielte die Band ein Benefizkonzert für SOS Méditerranée. May erklärte damals, die Band habe mit einem Konzert die Finanzierung eines Rettungsboots unterstützt.
In Interviews nannte er außerdem seine Unterstützung für Reporter ohne Grenzen sowie seine Mitgliedschaft bei Greenpeace. Besonders deutlich kritisierte er die humanitäre Situation im damaligen Flüchtlingslager Moria. Ihn störte, dass das Leid geflüchteter Menschen häufig erst dann öffentliche Aufmerksamkeit fand, wenn eine Katastrophe bereits eskaliert war.
Ende 2024 wurde eine Spende Mays in Höhe von 95.000 Euro an Bündnis 90/Die Grünen öffentlich registriert. Weil Großspenden über dem gesetzlichen Schwellenwert gemeldet werden müssen, wurde die Summe öffentlich gemacht. Sie machte sichtbar, dass seine Forderung nach institutionellem Engagement nicht nur rhetorisch gemeint war.

Haltung ohne die Pose einer moralischen Autorität
Interessant an Mays politischer Entwicklung ist der erkennbare Widerspruch. Er nutzt seine Reichweite, bezweifelt zugleich jedoch, wie viel einzelne prominente Stimmen tatsächlich verändern können. Er kritisiert performativen Online-Aktivismus, weiß jedoch, dass auch seine eigenen öffentlichen Aussagen Teil medialer Selbstdarstellung werden. Diese Spannung versucht er nicht vollständig aufzulösen.
Seine Positionierungen hatten persönliche Folgen. Im Jahr 2020 berichtete er von rechtsextremen Drohungen gegen die Band sowie von einer konkreten Drohung gegen ein Familienmitglied. Gerade deshalb warnte er davor, rechte Netzwerke und die Radikalisierung sogenannter Querdenker als Randphänomen zu verharmlosen. Öffentlichkeit war für ihn damit nicht nur ein Mittel politischer Wirkung, sondern auch ein Risiko.
Es wäre dennoch ungenau, Henning May ausschließlich anhand seiner Parteimitgliedschaft, seiner Spenden oder einzelner Kampagnen zu definieren. Sein Aktivismus entsteht an der Schnittstelle von Musik, persönlichem Lernen und politischer Organisation. Er präsentiert sich nicht als Experte für alle Themen. Relevanter ist seine Bereitschaft, eine frühere Zurückhaltung zu korrigieren und die eigene Position öffentlich überprüfbar zu machen.
Die Band blieb größer als ihr Frontmann
Die außergewöhnliche Stimme sorgt dafür, dass Henning May häufig als Synonym für AnnenMayKantereit gilt. Die Bandgeschichte handelt jedoch von einer langjährigen Freundschaft und einer kollektiven Arbeitsweise. Christopher Annens Gitarrenspiel und Severin Kantereits Rhythmus schaffen den Raum, in dem Mays Stimme wirken kann. Die Live-Musikerinnen und Live-Musiker haben diesen Raum seit 2022 deutlich erweitert.
Gerade diese Balance schützt die Gruppe davor, zu einer reinen Sängerplattform zu werden. Auf der Bühne stehen Nähe und Zusammenspiel im Zentrum. Selbst in großen Arenen bleibt etwas vom Straßenmusiker-Prinzip erhalten: Ein Song muss ohne komplizierte Erklärung funktionieren, Menschen müssen einander zuhören und der Moment darf hörbar unperfekt bleiben.
Nach den pandemiebedingten Brüchen und dem Album von 2023 kehrte AnnenMayKantereit 2026 mit einer großen Tournee zurück. Viele Termine waren früh ausverkauft. Das zeigt, dass ihre Musik inzwischen mehrere Lebensphasen des Publikums begleitet. Wer die Band als Jugendlicher mit „Oft gefragt“ entdeckte, hört heute andere Schichten in denselben Themen rund um Familie, Bindung und Verantwortung.
AnnenMayKantereit kommen am 19. September nach Wien
Am Samstag, dem 19. September 2026, spielen AnnenMayKantereit in der Wiener Stadthalle. Der Einlass beginnt um 18:30 Uhr, das Konzert um 19:30 Uhr. Der offizielle Termin ist derzeit ausgebucht. Die Band warnt ausdrücklich vor Tickets vom Schwarzmarkt und erkennt nur Karten aus dem offiziellen Re-Sale an. Für Kulturpass-Inhaberinnen und -Inhaber wurden außerdem vergünstigte Sozialtickets vorgesehen.
Der Wiener Abend bringt eine Band in die Stadt, die den Weg von Kölner Straßenecken bis in die großen Hallen gegangen ist, ohne dabei ihre Herkunft vollständig zu glätten. Im Mittelpunkt wird wieder jene Stimme stehen, die Henning May berühmt gemacht hat. Entscheidend ist inzwischen aber auch, was er mit dieser Stimme zu sagen bereit ist.
