In der zweiten Episode des Vodcasts Here We Are sprechen der Therapeut Tomislav Bišić-Pauletić und Dr. Alexandru-Teodor Zaharie über Chemsex, das Bedürfnis nach Akzeptanz und Grenzen, die unter dem Einfluss von Substanzen vielschichtiger werden. Im Zentrum des Gesprächs steht die Frage: Was suchen Menschen in diesen Begegnungen, und was fehlt ihnen außerhalb davon?
Sich begehrt fühlen. Wahrgenommen werden. Zu einer Gruppe gehören, in der man sich nicht für die eigene Sexualität rechtfertigen muss. Das sind Bedürfnisse, die leicht verständlich sind. Deutlich schwieriger ist es, darüber zu sprechen, was geschieht, wenn deren Erfüllung mit Substanzkonsum und sexuellen Begegnungen verknüpft wird.
Genau diesen Raum öffnet die zweite Episode des Vodcasts Here We Are, einer Produktion von iks.haus aus Wien. Tomislav Bišić-Pauletić und Dr. Alexandru-Teodor Zaharie nähern sich dem Thema Chemsex und Freiheit durch persönliche Erfahrungen, Beziehungsdynamiken und Fragen der individuellen Autonomie. Das Gespräch vermeidet dabei sowohl die Verurteilung von Menschen als auch eine schlichte Romantisierung von Freiheit.
Zaharie stellt zu Beginn klar, aus welcher Position er spricht: Er ist Radioonkologe und kein Suchtspezialist. Sein Interesse an der Thematik entspringt der Zugehörigkeit zur LGBTQ+-Community, eigener Recherche und der Faszination für Verhaltensmuster. Dieser Unterschied ist wesentlich für das Verständnis der Folge: Es handelt sich um einen Dialog, der therapeutische Expertise mit persönlicher Perspektive verbindet, und nicht um eine individuelle medizinische Beratung.
Hinter der Substanz gibt es einen Kontext

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Eine der zentralen Botschaften von Alexandru lautet, dass Chemsex nicht verstanden werden kann, wenn man ausschließlich darauf blickt, was konsumiert wird. Es ist notwendig, die Rahmenbedingungen zu betrachten: mit wem man zusammen ist, welche Erwartungen bestehen, wie man sich fühlt und welche Verhaltensmuster sich entwickeln.
Das Gespräch thematisiert damit das Spannungsfeld zwischen sexueller Freiheit und Stigmatisierung. Tomislav erinnert an die Geschichte, in der die Sexualität schwuler Männer Anlass für Abwertung und Ausgrenzung war. Alexandru unterscheidet dabei den allgemeinen Kampf um sexuelle Befreiung vom spezifischen Phänomen Chemsex. Diese Bereiche berühren einander, erzählen jedoch nicht dieselbe Geschichte.
In seinen Ausführungen nimmt Minderheitenstress eine wesentliche Rolle ein: das Aufwachsen und Leben mit der Botschaft, dass die eigene Anziehungskraft, der eigene Körper oder die eigene Ausdrucksweise nicht akzeptabel seien. Er spricht über Stereotype und religiösen Druck, die einen spontanen und unbeschwerten Zugang zur Sexualität erschweren können.
Gleichzeitig warnt er davor, Motive unzulässig zu verkürzen. Nicht jede Teilnahme lässt sich durch ein Trauma begründen. Menschen suchen mitunter einfach das Erlebnis, Lust, Neugier oder Gemeinschaft. Ihre Beweggründe zu verstehen bedeutet, Raum für unterschiedliche Lebensgeschichten zu lassen.
Chemsex und Freiheit: Wie viel Freiheit bleibt bei der eigenen Wahl?

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Die Diskussion wird besonders unmittelbar, als das Thema Konsens zur Sprache kommt. Zaharie thematisiert das Kombinieren verschiedener Substanzen und das Treffen von Entscheidungen im veränderten Bewusstseinszustand. Tomislav führt diesen Aspekt auf die persönliche Freiheit zurück: Was passiert mit der Wahlmöglichkeit, wenn die chemische Wirkung das Erleben der eigenen Grenzen verändert?
Die Gesprächspartner hinterfragen auch den Unterschied zwischen dem echten Wunsch nach einer bestimmten Erfahrung und dem Drang, Unbehagen zu betäuben, um überhaupt teilnehmen zu können. Will ich das wirklich? Versuche ich, den Erwartungen der Gruppe zu entsprechen? Kann ich den Moment wahrnehmen, in dem mir etwas nicht mehr behagt?
Es sind solche Überlegungen, die dem Austausch Gewicht verleihen. Der bloße Verweis auf Freiheit beantwortet für sich genommen nicht die Frage, inwieweit eine Person diese im konkreten Moment tatsächlich ausüben kann. Auch eine frühere Absprache hebt die Notwendigkeit nicht auf, veränderte Grenzen zu respektieren und einen Ausstieg zu ermöglichen.
Aufmerksamkeit anzunehmen ist nicht immer dasselbe wie eine Begegnung zu wollen
Eines der prägnantesten Beispiele der Episode führt über den engen Rahmen von Chemsex hinaus. Alexandru beschreibt eine Person, die mit geringem Selbstwertgefühl in ein Lokal geht, Alkohol konsumiert und Zuspruch von jemandem erhält. Um nicht alleine nach Hause gehen zu müssen, willigt sie in ein Treffen ein, das sie im Grunde vielleicht gar nicht anstrebt.
Dieses Fallbeispiel setzt unterschiedliche Situationen und deren Risiken keineswegs gleich. Es formuliert jedoch eine vertraute Frage: Wie stark wird eine Entscheidung vom eigenen Begehren geleitet und wie stark von der Furcht vor dem Alleinsein?
In diesem Teil des Dialogs wird Chemsex zum Ausgangspunkt für eine umfassendere Betrachtung zwischenmenschlicher Beziehungen. Das Verlangen, von jemandem ausgewählt zu werden, kann es erschweren, für sich selbst den Entschluss zum Gehen zu fassen. Und die Möglichkeit, zu gehen, bleibt stets ein elementarer Bestandteil von Freiheit.
Ein paar Stunden von dem, was jeden Tag fehlt

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Tomislav beschreibt Chemsex aus seiner therapeutischen Perspektive mit der Metapher eines Cocktails: In wenigen intensiven Stunden können sich Gefühle von Begehrtheit, Akzeptanz und Zugehörigkeit verdichten, die der Person im Alltag fehlen.
Damit verlagert sich der Schwerpunkt auf das Leben abseits dieser Treffen. Gibt es dort Nähe? Findet die Person einen geschützten Raum, in dem sie sich wahrgenommen fühlt? Kann sie dazugehören, ohne permanent etwas beweisen zu müssen?
Alexandru knüpft an das Thema der gemeinsamen Gruppendynamik und des Gefühls der Verbundenheit an. Die Vielschichtigkeit wächst nach seiner Einschätzung in dem Moment, in dem sich diese Empfindungen mit den Effekten von Substanzen verflechten. Dann geht es nicht mehr allein darum, was konsumiert wird, sondern woran Akzeptanz, Intimität und das eigene Selbstwertgefühl gekoppelt sind.
Wenn Substanzen zum Mittelpunkt der Begegnung werden

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Im Schlussteil der Episode teilt Alexandru eine Beobachtung aus Gesprächen mit Bekannten: Bei manchen Zusammenkünften tritt die Sexualität schrittweise in den Hintergrund, während der Konsum immer mehr Raum einnimmt. Dabei handelt es sich um eine persönliche Wahrnehmung aus seinem Umfeld und nicht um einen allgemeingültigen Befund für alle Chemsex-Teilnehmenden.
Dennoch wirft diese Verschiebung eine wesentliche Frage nach dem eigentlichen Zweck der Begegnung auf. Kommt eine Person wegen der Sexualität und der Nähe, oder ist das Treffen vorrangig zum Rahmen für den Substanzkonsum geworden?
Die Gesprächsteilnehmer sprechen zudem über Dating-Apps, wiederkehrende Verhaltensmuster und das Verhältnis zum eigenen Körper. Durch all diese Themen zieht sich dieselbe Frage: In welchem Ausmaß hören wir noch auf das, was wir fühlen und wollen, und wie sehr folgen wir einem bereits vorgegebenen Skript?
Ein Gespräch, das mit Verstehen beginnt
Der Wert der zweiten Episode von Here We Are liegt in der Bereitschaft, über ein heikles Thema zu sprechen, ohne Menschen auf ihr Konsumverhalten zu reduzieren. Tomislav unterstreicht die Notwendigkeit, zunächst jede Verurteilung abzulegen und zu versuchen, den Menschen zu verstehen. Diese Haltung lässt zugleich Raum für ernste Fragen zu persönlichen Grenzen, Konsens und möglichen Konsequenzen.
Nach dem Gespräch bleibt eine Überlegung, die weit über den Kontext von Chemsex hinausreicht: Wie lässt sich ein Alltag gestalten, in dem Intimität, Begehren und Zugehörigkeit auch abseits von wenigen intensiven Stunden erreichbar sind?
Sehen Sie die zweite Episode von Here We Are: „Chemsex ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt“ — S01E02.
Der Artikel basiert auf dem vollständigen englischen Transkript der Episode vom 16. Oktober 2026. Die Haltungen und erfahrungsbasierten Beobachtungen der Gesprächspartner werden als deren persönliche Perspektiven wiedergegeben.
