Angst ist kein bequemes Festivalmotto. Die Vienna Art Week 2026, die von 6. bis 13. November mit rund 70 Programmpartnern durch die Wiener Kunstlandschaft führt, hat es trotzdem gewählt: „NAVIGATING ANGST“ heißt das Thema in diesem Jahr. In ihrem Thementext schreiben Anne Zühlke und Robert Punkenhofer: „Angst is more than a feeling: it’s the very structure of our present.“ Die Frage, wie Kunst helfen kann, sich in unsicheren Zeiten zu orientieren, zieht sich vom Barock bis zur Gegenwartskunst durch das Programm.
Eine zweite Frage stellt sich dabei fast von selbst: Wer kann diese Orientierung überhaupt nutzen? Unter dem Titel „VAW für Alle“ bündelt die Vienna Art Week 18 Termine an acht Tagen, die sich an Menschen richten, für die ein gewöhnlicher Museumsbesuch mit Hürden verbunden ist: gehörlose und blinde Menschen, Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, Menschen, die Stufen nicht einfach nehmen können. Wie alle Veranstaltungen der Vienna Art Week sind auch diese kostenlos.
Vienna Art Week 2026: Was bietet das Programm „VAW für Alle“?

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Das inklusive Programm ist kein Nebenschauplatz, sondern führt in einige der wichtigsten Häuser der Stadt: Kunsthistorisches Museum, Albertina, Leopold Museum, Belvedere 21, Secession, Kunsthalle Wien, KunstHausWien, Dom Museum Wien, Architekturzentrum Wien und Heidi Horten Collection. Die Formate sind auf unterschiedliche Bedürfnisse zugeschnitten: Führungen in Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS) oder mit ÖGS-Dolmetschung, Rundgänge in einfacher Sprache, Tast- und Hörführungen sowie barrierefreie Touren.
Mehrere Termine nehmen das Festivalthema direkt auf. Am 13. November gibt es im Kunsthistorischen Museum von 15 bis 16 Uhr eine Führung mit ÖGS-Dolmetschung zu „Navigating Angst“ durch Meisterwerke aus Renaissance und Barock. In der Secession führt Eva Böhm am 6. November um 16.30 Uhr in ÖGS durch die Ausstellungen von Bernhard Leitner, Lap-See Lam und JJJJJerome Ellis, ohne Anmeldung. Die Kunsthalle Wien eröffnet am 12. November ab 19 Uhr „Tiffany Sia: Overt Listening“ mit ÖGS-Dolmetschung; am 13. November folgt dort um 17 Uhr eine gedolmetschte Führung durch dieselbe Schau.
Für Menschen, die mit komplexen Ausstellungstexten wenig anfangen können, gibt es Führungen in einfacher Sprache: im Architekturzentrum Wien durch die Dauerausstellung „Wien: Geschichte, Zukunft“ (6. November, 17 Uhr), im Belvedere 21 unter dem Titel „Einfach gesagt: Mutige Perspektiven“ (13. November, 15 Uhr). Die Termine im Dom Museum Wien und im Leopold Museum sind laut Programmseite bereits ausgebucht, ein Hinweis darauf, dass die Nachfrage größer ist als das Angebot.
Wichtig für die Planung: Viele Termine haben nur wenige Plätze und verlangen eine Anmeldung, meist direkt beim jeweiligen Haus per E-Mail oder Online-Formular. Bei Fragen ist das Festivalbüro unter office@viennaartweek.at oder 0660 78 24 010 erreichbar.
Warum Tastführungen und ein Demenz-Workshop mehr sind als ein Zusatzangebot

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Museen sind traditionell Orte des Sehens, und oft des Nicht-Berührens. Tastführungen drehen diese Logik um. Im Kunsthistorischen Museum heißt eine solche Führung am 6. November (15 bis 16 Uhr) „Schattenseiten und Lichtblicke“ und widmet sich Meisterwerken aus Renaissance und Barock. In der Albertina steht am 10. November eine Hör- und Tastführung durch „Monet bis Picasso“ auf dem Programm, in der Heidi Horten Collection am 11. November die inklusive Tastführung „Zum Greifen nah“. Die beiden letzteren sind laut Programmseite bereits ausgebucht.
Bei diesen drei Terminen bietet die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs einen Begleitdienst an. Die spendenfinanzierte Organisation ist nach eigenen Angaben die älteste und größte Selbsthilfeorganisation ihrer Art in Österreich, seit über 90 Jahren aktiv und hat rund 6.500 Mitglieder. Der Begleitdienst löst ein Problem, das in Diskussionen über Barrierefreiheit oft untergeht: Der Weg zum Museum und durch das Gebäude ist für blinde und sehbehinderte Menschen häufig die erste Hürde, noch bevor es um die Kunst geht.
Einen anderen Ansatz verfolgt „Herz über Kopf“. Am 9. November lädt die Heidi Horten Collection von 14 bis 16 Uhr zu einem partizipativen Rundgang mit Workshop für Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und Begleitpersonen ein. Treffpunkt ist die Eingangshalle, eine Anmeldung über die Website der Sammlung ist nötig. Solche Formate setzen weniger auf Wissensvermittlung als auf gemeinsames Erleben: Ein Bild, eine Farbe oder ein Material kann Gespräche auslösen, die im Alltag mit Demenz selten geworden sind, und Angehörigen einen Nachmittag ermöglichen, an dem sie nicht nur pflegen, sondern teilen.
Gerade im Kontext eines Festivals über Angst ist das bemerkenswert. Unsicherheit, Orientierungsverlust und die Sorge, nicht mithalten zu können, gehören für viele Menschen mit Behinderung oder Demenz zur Erfahrung öffentlicher Räume. Ein Programm, das diese Hürden ernst nimmt, übersetzt das Festivalthema in die Praxis.
Wie kommen alle in die Ateliers der Open Studio Days?

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Ein Kernstück der Vienna Art Week sind die Open Studio Days: Am 7. und 8. November öffnen laut Veranstalter rund 50 von einer Fachjury ausgewählte Künstlerinnen und Künstler von 13 bis 18 Uhr ihre Ateliers in ganz Wien. Für viele ist das die seltene Gelegenheit, Kunst dort zu sehen, wo sie entsteht. Doch Ateliers liegen oft in Hinterhöfen, Dachgeschoßen oder Altbauten ohne Lift. Einzelne Einträge im Programm weisen ausdrücklich darauf hin, dass ein Atelier nicht barrierefrei ist.
Genau hier setzen die barrierefreien Shuttle-Touren an. An beiden Tagen, jeweils von 15 bis 17.30 Uhr, führt eine Tour zu verschiedenen barrierefreien Ateliers. Treffpunkt ist die Ecke Karlsplatz/Akademiestraße beim Aufgang „Akademiestraße“ mit Lift der U-Bahn-Station Karlsplatz. Dort wartet eine Guide mit Schild, und die Tour endet wieder am Ausgangspunkt. Die Anmeldung erfolgt über ein Online-Formular, das auf der Programmseite verlinkt ist. Welche Ateliers angefahren werden, nennt die Programmseite nicht: Wer konkrete Anforderungen hat, sollte vorab beim Festivalbüro nachfragen.
Ergänzt wird das Angebot am 7. November durch einen barrierefreien geführten Rundgang durch PART International Art Residency Austria in der Meiereistraße im 2. Bezirk (13.30 bis 15.30 Uhr, Treffpunkt Südpavillon, Anmeldung erforderlich). Am 13. November zeigt die Secession außerdem die Lecture-Performance „Where we stutter with pride and we speak with an accent with joy“ von Marianne Vlaschits und Chanyoung Park.
Was bleibt, ist eine einfache, aber wichtige Erkenntnis: Inklusion im Kulturbetrieb beginnt nicht erst bei der Kunst selbst, sondern beim Treffpunkt, beim Lift, bei der Sprache und bei der Begleitung. Die Vienna Art Week 2026 macht das an 18 Terminen sichtbar. Dass mehrere davon schon Tage vor Festivalbeginn ausgebucht sind, zeigt, wie groß der Bedarf ist, und dass solche Angebote nicht nur einmal im Jahr stattfinden sollten.
