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    FR, 26.06.2026 | 21:29
    Von der Antike bis ins 20. Jahrhundert

    Wir waren immer da: Queere Geschichte durch die Zeiten

    Queere Geschichte zeigt, wie Begehren und Geschlechtervielfalt über Jahrhunderte sichtbar wurden.
    Zwei junge Männer posieren um 1890 eng nebeneinander in einem Wiener Fotostudio.
    Zwei junge Männer posieren um 1890 eng nebeneinander in einem Wiener Fotostudio.
    iks.haus | KI-generiert nach redaktioneller Konzeption, 2026
    August 2, 2026

    Geschichte ohne falsche Etiketten

    Gleichgeschlechtliches Begehren und geschlechtliche Vielfalt sind nicht erst mit modernen Begriffen entstanden. Neu sind vor allem die Kategorien, in die Menschen eingeordnet werden. Wörter wie „homosexuell“ oder „heterosexuell“ verbreiteten sich erst im 19. Jahrhundert. Wer weiter zurückblickt, findet daher keine fertige LGBTQIA+-Gemeinschaft im heutigen Sinn, wohl aber Beziehungen, Körper, Lebensweisen und soziale Rollen, die eine rein binäre Erzählung der Vergangenheit deutlich überschreiten.

    Genau hier verläuft eine zentrale Debatte der Geschichtsschreibung. Konstruktivistische Ansätze, stark geprägt von Michel Foucault, betonen, dass moderne sexuelle Identitäten durch Medizin, Psychiatrie, Recht und Verwaltung konstruiert wurden. Andere Forschende, darunter John Boswell, hoben die Kontinuität gleichgeschlechtlicher Bindungen hervor. Heute ist ein vorsichtiger Mittelweg produktiver: Begehren hat eine lange Geschichte, doch seine gesellschaftliche Bedeutung verändert sich mit jeder Epoche.

    Diese Unterscheidung ist keine akademische Nebensache. Wer eine Person aus dem Mittelalter vorschnell als schwul, lesbisch, trans oder nichtbinär bezeichnet, kann eine Biografie sichtbar machen, aber auch ihre kulturelle Eigenlogik überdecken. Diese Geschichte beginnt deshalb nicht mit der Suche nach modernen Etiketten. Sie beginnt mit der Frage, welche Möglichkeiten Menschen in ihrer Zeit hatten, um Nähe, Geschlecht, Begehren und Zugehörigkeit zu leben.

    Spuren in Ägypten und Griechenland

    Zu den meistdiskutierten Zeugnissen aus dem Alten Ägypten gehört die gemeinsame Mastaba von Niankhkhnum und Khnumhotep in Sakkara. Die beiden hohen Hofbeamten der 5. Dynastie erscheinen auf Reliefs in ungewöhnlich innigen Gesten. Sie stehen eng beieinander, umarmen sich und berühren ihre Nasen. Manche Forschende lesen diese Darstellung als Hinweis auf eine Liebesbeziehung. Andere halten die Männer für Brüder, möglicherweise sogar für Zwillinge. Eindeutig lässt sich die Frage anhand der erhaltenen Quellen nicht entscheiden.

    Gerade diese Unsicherheit macht die Grabstätte bedeutsam. Sie zeigt nicht, dass das Alte Ägypten homosexuelle Partnerschaften im modernen Sinn offiziell anerkannte. Sie zeigt jedoch, dass männliche Nähe in einer hochcodierten Bildsprache sichtbar wurde. Die Geschichte verlangt hier weder Verleugnung noch Gewissheit, sondern die Bereitschaft, mehrere Deutungen nebeneinander auszuhalten.

    Auch im klassischen Griechenland beschrieb Sexualität weniger eine feste Orientierung als vielmehr soziale Position, Alter und Rolle. Institutionalisierte Beziehungen zwischen einem älteren Erastes und einem jüngeren Eromenos konnten pädagogische, politische und sexuelle Elemente vereinen. Sie dürfen nicht als einfache Vorform heutiger schwuler Partnerschaften romantisiert werden, denn Altersunterschiede und Hierarchien waren zentral. Gleichzeitig belegen Philosophie, Dichtung und Kunst, dass das männliche Begehren gesellschaftlich lesbar war.

    Berühmt wurde die Heilige Schar von Theben, eine Eliteeinheit von 300 Männern, die in antiken Überlieferungen als 150 Liebespaare beschrieben wird. Sie trug 371 v. Chr. zum Sieg über Sparta bei Leuktra bei und wurde 338 v. Chr. bei Chaironeia von den Makedonen weitgehend vernichtet. Der Löwe von Chaironeia erinnert an ihr Grab. Auch hier gilt: Die Überlieferung ist kein modernes Coming-out, wohl aber ein starkes Zeugnis dafür, dass männliche Bindung als Quelle militärischer Loyalität verstanden werden konnte.

    Zwei junge Archäologen stehen 1924 eng beieinander an einer Ausgrabung bei Luxor.

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    Mehr als zwei Geschlechter

    Außerhalb Europas begegnen uns Gesellschaften, in denen Geschlecht nicht ausschließlich durch die westliche Zweiteilung zwischen Mann und Frau organisiert wird. Doch auch diese Traditionen sind keine austauschbaren Varianten eines einzigen „dritten Geschlechts“. Māhū in Hawaii und Tahiti, Fa’afafine in Samoa, Hijra in Südasien und zahlreiche stammes- oder nationsspezifische Rollen in Nordamerika haben jeweils eigene Geschichten, spirituelle Bedeutungen und soziale Aufgaben.

    Der Ausdruck Two-Spirit wurde 1990 bei einer indigenen Konferenz als moderner, intertribaler Sammelbegriff geprägt. Er kann für manche indigene Menschen geschlechtliche, sexuelle, gemeinschaftliche und spirituelle Dimensionen verbinden. Er ersetzt jedoch nicht die eigenen Begriffe einzelner Nationen und darf nicht rückwirkend auf jede indigene Person angewandt werden, die europäischen Beobachtern geschlechtlich uneindeutig erschien.

    Auch fa’afafine sind seit Jahrhunderten Teil samoanischer Gemeinschaften, ohne deshalb deckungsgleich mit einer westlichen Transidentität zu sein. Māhū bezeichnet wiederum in hawaiischen und tahitianischen Kontexten eine kulturell spezifische Position, die männliche und weibliche Aspekte verbindet. Solche Begriffe machen sichtbar, dass Kolonisierung nicht nur Land und politische Macht erfasste. Missionierung, Verwaltung und westliche Gesetze griffen auch in lokale Vorstellungen von Körper, Verwandtschaft und Geschlecht ein.

    Die korrekte Lehre aus diesen Geschichten lautet deshalb nicht, dass vormoderne Gesellschaften überall tolerant gewesen seien. Auch dort gab es Grenzen, Pflichten und Sanktionen. Entscheidend ist etwas anderes: Das binäre Geschlechtermodell war niemals die einzige menschliche Ordnung. Koloniale Systeme behandelten lokale Vielfalt häufig als Abweichung und versuchten, sie durch Religion, Schule, Medizin und Recht zu verdrängen.

    Zwischen Kirche, Recht und Überleben

    Im europäischen Mittelalter wurden sexuelle Handlungen zunehmend anhand christlicher Vorstellungen von Sünde, Fortpflanzung und Naturrecht beurteilt. Begriffe wie Homosexualität existierten nicht. Kirchliche und weltliche Texte sprachen stattdessen von Sodomie, vom „unaussprechlichen“ Vergehen oder von Handlungen gegen die Natur. Solche Kategorien erfassten sehr unterschiedliche Praktiken und sagten nur begrenzt darüber aus, wie Menschen sich selbst verstanden.

    Ein außergewöhnliches Dokument entstand 1394 in London. Das Verhörprotokoll nennt eine festgenommene Person „John Rykener, genannt Eleanor“. Rykener trug Frauenkleidung, arbeitete zeitweise als Stickerin und Schankkraft und berichtete von sexuellen Kontakten mit Männern und Frauen. Der Text erlaubt keine sichere moderne Diagnose der Geschlechtsidentität. Er zeigt jedoch, dass eine Person über längere Zeit verschiedene geschlechtliche Rollen bewohnen, arbeiten und soziale Netzwerke nutzen konnte, obwohl das Recht dafür kaum eine Sprache besaß.

    Der Fall ist gerade deshalb wichtig, weil er keine lückenlose Heldengeschichte liefert. Erhalten blieb nur die Stimme eines Gerichts, nicht Rykener selbst. Moderne Forschung muss daher zwischen Sichtbarkeit und Vereinnahmung unterscheiden. Das Archiv bewahrt Spuren eines Lebens, aber es gibt uns nicht das Recht, jede Lücke mit einer heutigen Kategorie zu füllen.

    Zwei junge Soldaten teilen 1945 in einem beschädigten Wiener Hof einen stillen Moment.

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    Renaissance: sichtbar und unsichtbar

    Die Renaissance brachte künstlerische Darstellungen voller homoerotischer Spannung hervor, während Gerichte und kirchliche Institutionen gleichgeschlechtliche Handlungen verfolgten. Besonders Beziehungen zwischen Frauen blieben juristisch und medizinisch oft unsichtbar, weil viele Autoritäten Sexualität ausschließlich als Penetration definierten. Unsichtbarkeit bedeutete daher nicht Freiheit. Sie konnte Schutz bieten, zugleich aber Erfahrung und Gewalt aus der historischen Überlieferung löschen.

    Der Fall Benedetta Carlini ist ungewöhnlich gut dokumentiert. Die toskanische Nonne und zeitweilige Äbtissin berichtete von Visionen, Stigmata und einer mystischen Verbindung zu Christus. Kirchliche Untersuchungen warfen ihr vor, Heiligkeit vorgetäuscht und eine sexuelle Beziehung mit Schwester Bartolomea Crivelli geführt zu haben. Ein späterer Bericht berichtet, dass Benedetta viele Jahre isoliert im Kloster lebte. Ihre Geschichte erreicht uns über die Akten einer Institution, die über Wahrheit, Körper und Strafe entschied.

    Eine andere Biografie hinterließ die Erauso, in der Überlieferung lange als Catalina de Erauso bekannt. Nach der Flucht aus einem baskischen Kloster lebte de Erauso unter männlichen Namen, diente als Soldat in den spanischen Kolonien und erhielt schließlich die Erlaubnis, weiterhin Männerkleidung zu tragen. Die Geschichte lässt sich als Flucht vor weiblichen Zwängen, als geschlechtliche Selbstbehauptung und zugleich als Beteiligung an kolonialer Gewalt lesen. Keine dieser Ebenen hebt die andere auf.

    Das 19. Jahrhundert erfindet neue Wörter

    Im 19. Im Laufe des Jahrhunderts verlagerte sich die Kontrolle über die Sexualität schrittweise von Kanzel und Gericht in die Klinik, Statistik und Psychiatrie. Das war keine einfache Befreiung. Gleichgeschlechtliches Begehren wurde nun als Merkmal eines bestimmten Menschentyps beschrieben und häufig pathologisiert. Gleichzeitig eröffnete die neue Sprache Möglichkeiten, Erfahrungen zu benennen, politische Forderungen zu formulieren und Gemeinschaften zu bilden.

    Anne Lister zeigt, dass Selbstwissen nicht auf einen offiziellen Begriff warten musste. Die englische Landbesitzerin führte von 1806 bis 1840 umfangreiche Tagebücher, deren intime Passagen sie in einem von ihr selbst entwickelten Code notierte. Darin beschrieb sie Beziehungen zu Frauen, Reisen, Geschäft und ihre eigene Natur mit bemerkenswerter Klarheit. Die Millionen Wörter umfassenden Tagebücher gehören heute zum britischen UNESCO-Register „Memory of the World“.

    Eine sprachgeschichtliche Zäsur setzte Karl Maria Kertbeny, ein in Wien geborener ungarischer Schriftsteller und Reformpublizist. In einem Brief von 1868 verwendete er die neu gebildeten Wörter „homosexuell“ und „heterosexuell“. Er wollte damit ältere abwertende Bezeichnungen ersetzen und argumentierte gegen staatliche Eingriffe in private, einvernehmliche Sexualität. Später übernahmen Sexologie und Psychiatrie diese Kategorien, oft mit einer pathologisierenden Bedeutung, die Kertbenys politischer Absicht widersprach.

    Auch die häufig wiederholte Behauptung, das Osmanische Reich habe Homosexualität 1858 schlicht „legalisiert“, bedarf einer Korrektur. Der neue Strafkodex erwähnte private gleichgeschlechtliche Intimität nicht ausdrücklich, sanktionierte jedoch öffentliche Unsittlichkeit. Forschende warnen deshalb davor, ein westliches Modell der Kriminalisierung und Entkriminalisierung auf die osmanische Rechtsgeschichte zu übertragen. Der Wandel war real, aber weder geradlinig noch eindeutig emanzipatorisch.

    Zwei junge Frauen gehen 1978 eng verbunden mit einer queeren Gruppe gemeinsam durch Wien.

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    Von der Diagnose zur Entpathologisierung

    Im 20. Im 20. Im 20. Jahrhundert erreichte die medizinische Pathologisierung ihre zerstörerischste Konsequenz. Menschen wurden mit Zwangsbehandlungen, Elektroschocks, Hormonen, Operationen und Kastrationen bedroht oder misshandelt. Medizinische Autorität machte Vorurteile scheinbar objektiv. Gleichzeitig entstand innerhalb von Wissenschaft und Aktivismus eine Gegenbewegung, die genau diese Behauptungen empirisch und politisch angriff.

    Die Psychologin Evelyn Hooker veröffentlichte 1957 eine wegweisende Studie mit homosexuellen und heterosexuellen Männern, die nicht aus psychiatrischen Kliniken rekrutiert worden waren. Unabhängige Fachleute sollten psychologische Testprofile beurteilen, ohne die sexuelle Orientierung der Teilnehmer zu kennen. Sie konnten die Gruppen nicht zuverlässig unterscheiden. Hookers Arbeit erschütterte die Annahme, Homosexualität sei an sich eine psychische Störung.

    1973 strich die American Psychiatric Association Homosexualität aus ihrer Klassifikation als eigenständige Diagnose. Eine Restkategorie für sogenannte ich-dystone Homosexualität blieb noch bis 1987 bestehen. Die Weltgesundheitsorganisation entfernte Homosexualität 1990 aus der ICD. Diese Entscheidungen beendeten weder Diskriminierung noch sogenannte Konversionspraktiken, entzogen ihnen jedoch zugleich eine zentrale medizinische Legitimation.

    Was diese Geschichte heute bedeutet

    Diese Geschichte ist keine geradlinige Entwicklung von Unterdrückung zu Freiheit. Manche Gesellschaften boten bestimmten Menschen anerkannte Rollen und beschränkten zugleich andere. Manche Archive machen Nähe sichtbar, verschweigen aber Zustimmung, Selbstbezeichnung oder Macht. Fortschritt kann neue Sprache schaffen und dieselbe Sprache anschließend zur Kontrolle verwenden.

    Der Satz „Wir waren immer da“ ist deshalb weniger eine Behauptung identischer Lebensformen als eine Absage an die historische Auslöschung. Menschen liebten, begehrten, wechselten Rollen, widersetzten sich Normen und schufen Gemeinschaften lange vor unseren heutigen Abkürzungen. Ihre Geschichten werden genauer, nicht schwächer, wenn wir Unsicherheit offen benennen.

    Die wichtigste Aufgabe besteht nicht darin, jede Person der Vergangenheit nachträglich einzuordnen. Sie besteht darin, Archive gegen ihre Lücken zu lesen, koloniale und medizinische Kategorien zu hinterfragen und jenen Spielraum zurückzugeben, den Geschichte so oft genommen hat. Sichtbarkeit ist dabei kein Geschenk der Gegenwart. Sie ist das Ergebnis von Spuren, die trotz der Verfolgung erhalten geblieben sind.

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    Kontext / FAQ

    Existierte Homosexualität bereits in der Antike?Gleichgeschlechtliches Begehren und entsprechende Beziehungen sind in vielen antiken Quellen belegt. Die moderne Identität „homosexuell“ existierte jedoch noch nicht. Alter, sozialer Status und sexuelle Rolle waren häufig wichtiger als eine feste Orientierung.
    Waren Niankhkhnum und Khnumhotep ein Liebespaar?Die innigen Darstellungen in ihrer gemeinsamen Grabstätte werden teilweise als Hinweis auf eine Liebesbeziehung gelesen. Andere Forschende deuten die Männer als Brüder oder Zwillinge. Die erhaltenen Quellen erlauben keine endgültige Entscheidung.
    Ist Two-Spirit ein alter Name für indigene LGBTQIA+ Menschen?Two-Spirit ist ein 1990 geprägter intertribaler Sammelbegriff mit kulturellen und spirituellen Dimensionen. Er ersetzt weder die spezifischen Begriffe einzelner indigener Nationen noch lässt er sich pauschal auf alle historischen Personen übertragen.
    Wann entstanden die Wörter homosexuell und heterosexuell?Karl Maria Kertbeny verwendete beide Wortbildungen 1868 in einem privaten Brief. Im späten 19. Jahrhundert wurden sie von Sexualwissenschaft und Psychiatrie aufgegriffen und trugen zur Bildung moderner sexueller Identitätskategorien bei.
    Wann galt Homosexualität nicht mehr als psychische Störung?Die American Psychiatric Association entfernte Homosexualität 1973 als eigenständige Diagnose. Eine Restkategorie blieb bis 1987. Die Weltgesundheitsorganisation strich Homosexualität 1990 aus der ICD. Diskriminierung verschwand dadurch nicht sofort.