Heute, am 10. Mai 2026, versammeln sich auf der Anhöhe über der Donau mehr als 20.000 Menschen am ehemaligen Appellplatz des Konzentrationslagers Mauthausen. Es ist der 81. Jahrestag der Befreiung. Kränze, Schwur, Zug der Jugendlichen und der Überlebenden – alles wie in den Jahren zuvor.
Doch dieses Gedenken ist anders. Das Mauthausen-Komitee Österreichs hat gemeinsam mit dem Comité International de Mauthausen und der Österreichischen Lagergemeinschaft das Jahresthema 2026 auf etwas Unbequemes gesetzt: nicht auf die Opfer, nicht auf die Befreier:innen, sondern auf die Täter des Nationalsozialismus.
Ein Satz, der in der offiziellen österreichischen Erinnerungskultur besonderes Gewicht hat.

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Was sich tatsächlich ändert
Vom Ende des Zweiten Weltkriegs an und über Jahrzehnte der Nachkriegsgedenkfeiern hinweg geriet der Fokus des öffentlichen österreichischen Gedenkens an den Nationalsozialismus zunehmend in eine bestimmte Richtung: Opfer, Heldentum der Überlebenden, Triumph der Befreiung, Lektion für künftige Generationen. All das bleibt. Aber das Thema 2026 setzt bewusst einen neuen Akzent. Es fragt, wie ganz gewöhnliche Menschen zu Vollstreckenden wurden.
Wer war Wachposten im Lager, wer fuhr den Zug, wer führte die Aktenvermerke der Deportationen, wer schwieg im Nachbardorf? Mauthausen hielt zwischen 1938 und 1945 rund 190.000 Menschen aus ganz Europa gefangen. Mindestens 90.000 wurden ermordet oder starben an Erschöpfung. Menschen aus 72 Nationen. All das ist nicht von selbst geschehen. Hinter jeder Zahl steht eine bürokratische Kette. Menschen.
Deshalb formulieren die Veranstalter:innen des heurigen Programms, angeführt von MKÖ-Präsidenten Willi Mernyi, das Thema als direkten Aufruf an das gegenwärtige Österreich. Das Ziel ist nicht rückwirkende Gerechtigkeit. Das Ziel ist das Verständnis jener Bedingungen, die einen ganz gewöhnlichen Menschen zur Mittäterin oder zum Mittäter machen.
Pädagogik des Unbehagens
Die thematische Wende bleibt nicht auf der Ebene der Reden. Sie wird durch konkrete Programme für junge Menschen umgesetzt. Die Initiative Mauthausen Guides bietet spezialisierte Workshops für Polytechnische Schulen, Berufsschulen und Lehrlinge an. Programme des Civil Courage Trainings fokussieren sich auf jenes Muster, das Historiker:innen Zivilcourage nennen.
Die Idee dahinter ist folgende: Wenn wir verstehen, wie konkrete Menschen zustimmten, in einem System der Gewalt mitzuwirken, erkennen wir leichter ähnliche Mechanismen in der Gegenwart. Jugendliche, die das Programm durchlaufen, lernen nicht nur Geschichte. Sie lernen, die strukturellen Signale zu erkennen, die kollektivem Unrecht vorausgehen. Ein präventiver Mechanismus gegen die heutige Radikalisierung, eingebaut in die Gedenkpraxis.
Das Thema reicht weit über die zentrale Gedenkstätte hinaus. Im Jänner 2026 fand vor dem Gedenkstein in der Diakonie in Gallneukirchen die Gedenkveranstaltung für die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms statt. Der Memorial Walk in Klagenfurt am 24. April verknüpft das Thema Täter ausdrücklich mit lokalen Gräueltaten rund um die Kremsbrücke. Eine Dezentralisierung des Gedenkens, mit anderen Worten, die der Dezentralisierung des NS-Apparats selbst entspricht.

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Wien, Gusen, Mauthausen: drei Punkte derselben Linie
Das Gedenken 2026 ist kein isoliertes Ereignis. Es ist ein dreitägiger geografischer Bogen, der am Freitag, dem 8. Mai, am Wiener Heldenplatz beginnt: das Fest der Freude, organisiert vom Mauthausen-Komitee Österreichs. Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Es ist derselbe Platz, auf dem Adolf Hitler 1938 den „Anschluss“ verkündete. Eine Umwidmung des Raumes durch Kultur, die Rede der Zeitzeugin Lucy Waldstein aus den USA, ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Ingo Metzmacher, die Sopranistin Eleanor Lyons. Das Ganze wird öffentlich auf ORF III übertragen und weltweit auf YouTube gestreamt.
Am Samstag, dem 9. Mai, geht es nach Gusen, ins Gebiet des ehemaligen Außenlagers bei Langenstein. Das Motto: „Wir stehen zusammen“. Gusen stand jahrzehntelang im Schatten von Mauthausen, obwohl die Sterblichkeitsraten in bestimmten Phasen sogar höher waren. Die heurige Rückkehr nach Gusen, mit dem Zug zum Memorial de Gusen und der Kranzniederlegung um 18:15 Uhr, schließt diese historische Lücke bewusst.
Und heute folgt die zentrale Feier in Mauthausen selbst. Um 11 Uhr wird am ehemaligen Appellplatz der Schwur von Mauthausen verlesen – jener Text, den die Überlebenden in den Tagen nach der Befreiung formuliert haben. Er ruft zur Solidarität und zur Auslöschung des Faschismus auf. Er wird in mehreren Sprachen verlesen. Und mit Bedacht: Er wird von jungen Menschen gelesen.
Wer an der Spitze des Zuges geht
Das ist vielleicht das tiefste Symbol des gesamten Programms. Den Gedenkzug, der heute die Gedenkstätte umrundet, führt kein Staatsoberhaupt an. Er wird nicht von Botschafter:innen, Minister:innen oder hohen Militärs angeführt, obwohl sie alle anwesend sind und in alphabetischer Reihenfolge nach Delegationen aufgestellt sind. An der Spitze gehen Schüler:innen der Neuen Mittelschule Mauthausen. Sie gehen Seite an Seite mit Überlebenden und Zeitzeug:innen.
Diese Umkehrung der Hierarchie ist nicht kosmetisch. Wenn die letzten Zeitzeug:innen nicht mehr da sind, müssen junge Menschen aus der unmittelbaren Umgebung der ehemaligen Gedenkstätte den Stab des Erinnerns übernehmen. Mauthausen 2026 räumt öffentlich ein: Das geschieht bereits. Das Gedenken ist heute kulturelles und digitales Gedenken; es ist kein kommunikatives Gedenken der Überlebenden mehr.

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Technik durchbricht die Isolation
Die SS-Architekten errichteten Mauthausen auf einer Anhöhe, um es vor den Blicken der lokalen Bevölkerung zu verbergen. Die gesamte Infrastruktur des Lagers war auf Isolation ausgelegt. Mit dieser Topografie kämpften die heutigen Veranstalter:innen jahrzehntelang: tote Funkzonen, fehlender Sichtkontakt zur Hauptbühne für die meisten der über 20.000 Anwesenden, Audio-Guides, die vor der Anreise zu Hause heruntergeladen werden mussten.
Die strategische Partnerschaft des MKÖ mit dem österreichischen Telekom-Anbieter A1 verändert alles. Der gesamte Bereich der Gedenkstätte wird 2026 erstmals durchgehend mit hochkapazitivem Internet versorgt. Eine Besucherin, die am Rand des Lagergeländes wartet, hat denselben Zugang zu den Reden, zur Übersetzung in die österreichische Gebärdensprache, zur Musik des Militärorchesters Oberösterreich und zur ökumenischen Andacht, die um 10 Uhr in der ehemaligen Lagerkapelle begonnen hat, wie ein:e Diplomat:in vor dem Mahnmal.
Die Konsequenz wiegt schwerer, als es zunächst klingt. Mauthausen als Ort ist nicht mehr durch seine eigenen Mauern begrenzt. Es wird zu einer globalen Plattform des Gedenkens. Die Gebärdensprachdolmetscherin Sabine Zeller sorgt dafür, dass auch gehörlose Zuschauer die Feier verfolgen können. Die Schauspielerinnen Mercedes Echerer und Konstanze Breitebner moderieren mehrsprachig.
Was diese Wende wirklich bedeutet
Hinter den technischen Neuerungen, hinter der sorgfältig organisierten Buslinie 362, die von März bis Oktober die Strecke Linz–Gusen–Mauthausen Memorial bedient, hinter dem Shuttle-Verkehr vom Donaupark und dem strikten Protokoll, das neonazistische Symbole auf dem Gedenkareal verbietet, steht eine klare Botschaft.
Österreich bekennt 2026 öffentlich, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in ihre unbequemste Phase eintritt. In jene Phase, in der es nicht mehr genügt, um die Opfer zu trauern. Es muss gefragt werden, wie sich das Böse organisiert. Wer es finanziert. Wer es zulässt.
Das Thema Täter ist genau das: ein Spiegel. Und jede:r Besucher:in von Mauthausen in den Tagen rund um den 10. Mai 2026 trägt diesen Spiegel mit nach Hause.
[Quellen: Mauthausen Komitee Österreich, Österreichisches Parlament, KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa, ORF III, A1 Telekom Austria]

