Die bipolare Störung ist behandelbar. Medikamente wirken. Psychotherapien wirken. Das Wissen existiert, die Leitlinien existieren und es gibt Fachleute, die genau wissen, was zu tun ist. Das Problem ist nicht die Wissenschaft. Das Problem ist die Verteilung.
In den Teilen 1 bis 4 sind wir Diagnostik, späte Erkennung, globale Epidemiologie und die Auswirkungen auf den Alltag durchgegangen. In diesem letzten Teil stellen wir die unbequemste Frage: Was passiert, wenn es die Behandlung gibt, das System sie aber nicht liefert?
Die Fallstudie ist Österreich. Nicht, weil es hier am schlimmsten wäre, sondern weil das Land reich genug ist, um keine Ausrede zu haben. Der aktuelle Bericht des österreichischen Rechnungshofs vom August 2025 zeichnet ein erschütterndes Bild einer tiefen strukturellen Krise der psychiatrischen Versorgung, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Gehen wir der Reihe nach durch.
Was die moderne Psychiatrie zu bieten hat
Die aktuellen internationalen Leitlinien für die Behandlung der bipolaren Störung, darunter die kanadischen CANMAT-Leitlinien (Yatham et al.) und die Leitlinien des Royal Australian and New Zealand College of Psychiatrists (RANZCP; Malhi et al., 2020), beschreiben einen klaren, evidenzbasierten Ansatz.
Die Basis der Behandlung bilden Stimmungsstabilisierer. Darauf aufbauend verschreiben Psychiater:innen eine Kombination von Medikamenten, die gemeinsam mit dem Stabilisierer die Therapie bildet:

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Stimmungsstabilisierer
Der bekannteste ist Lithium, in der Regel als Lithiumcarbonat verschrieben, das jahrzehntelang das erste und einzige Basismedikament war. Klinisch ist es einzigartig durch seine starke und wissenschaftlich belegte Schutzwirkung: Es senkt das Risiko von Suizidgedanken, Suizidversuchen und vollendeten Suiziden drastisch. Kein anderes Medikament in der Psychiatrie hat so viele Belege für die Reduktion suizidalen Verhaltens. Wie alle Medikamente hat auch Lithium Nebenwirkungen. Deshalb hat die moderne Pharmakologie eine ganze Reihe alternativer Stabilisierer entwickelt, die dem medizinischen Personal heute zur Verfügung stehen.
Antiepileptika
Valproat ist beispielsweise bei akuter Manie sehr wirksam. Lamotrigin wirkt präventiv gegen depressive Phasen. Carbamazepin kommt in bestimmten Fällen zum Einsatz. Antiepileptika werden von Psychiater:innen in Kombination mit der pharmakologischen Basistherapie verschrieben, sofern eine Indikation besteht.
Atypische Antipsychotika der zweiten Generation
Quetiapin, Olanzapin, Aripiprazol, Lurasidon und Asenapin zeigen starke stabilisierende Eigenschaften und werden je nach Profil der Patient:innen als Alternative oder Ergänzung zu Lithium eingesetzt.
Strenge Kontraindikation
Eine Monotherapie mit konventionellen Antidepressiva ist bei diagnostizierter bipolarer Störung kein Standard und wird nicht praktiziert, da die bipolare Störung und die unipolare Depression zwei verschiedene Erkrankungen sind. Der Grund ist das Risiko eines iatrogen ausgelösten Rapid Cycling, eines akuten manischen Switches und der Induktion gemischter Zustände mit dem höchsten Suizidrisiko. Deshalb ist es entscheidend, und so ist auch die Praxis in entwickelten westlichen Gesundheitssystemen, dass Antidepressiva und psychiatrische Medikamente generell als spezialisierte Kategorie ausschließlich auf fachärztliche Empfehlung verschrieben werden (von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen), also auf Empfehlung einer Psychiaterin oder eines Psychiaters.
Psychotherapie, die den Rhythmus schützt
Medikamente allein reichen nie aus. Eine Schlüsselrolle spielt eine spezifische psychologische Intervention, die speziell für die bipolare Störung entwickelt wurde: die Interpersonal and Social Rhythm Therapy (IPSRT), neben weiteren Ansätzen, deren Ziel die Stabilisierung ist.
IPSRT, entwickelt von Ellen Frank an der University of Pittsburgh, kombiniert zwei Arbeitsrichtungen. Die erste ist die rigorose Stabilisierung der biologischen und zirkadianen Grundrhythmen: regelmäßige Schlafenszeiten, routiniertes Aufwachen, strukturierte Ernährung und vorhersehbare körperliche Aktivität. Die zweite ist die Arbeit an den sogenannten sozialen Zeitgebern, also an äußeren Menschen und Verpflichtungen, die den Tag auf natürliche Weise strukturieren (Partner:in, Arbeit, regelmäßige Treffen, familiäre Rituale).
Neben IPSRT werden die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) sowie die Psychoedukation der Patient:innen und ihrer Familien integriert. Psychoedukation ist wichtiger als es klingt. Wenn die Familie die Erkrankung versteht, frühe Anzeichen erkennt und weiß, wie sie reagieren soll, sinkt die Zahl der Rückfälle deutlich. Die Unterstützung der Familien von Menschen mit bipolarer Störung wird zunehmend als grundlegender Bestandteil der Behandlung verstanden, nicht nur als Option oder Ergänzung zur Standardtherapie. Auf diesem Feld liegt noch sehr viel Arbeit vor uns.
Das System, das in Österreich bricht
All das existiert auf dem Papier, in Leitlinien und in wissenschaftlichen Zeitschriften. Die Frage ist, ob es bei den Patient:innen ankommt. In Österreich, einem der reichsten Länder Europas, lautet die Antwort immer öfter: Nein.
Der österreichische Rechnungshof veröffentlichte im August 2025 einen offiziellen Bericht zur Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie zur Planung und Umsetzung der Versorgung. Der Bericht zeichnet ein systemisches Krisenbild.

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| Aspekt der psychiatrischen Versorgung in Österreich | Stand (Rechnungshof, 2024/25) |
|---|---|
| Wartezeit auf den Ersttermin in Wien | durchschnittlich 90 Tage bei Kinderpsychiater:innen mit Kassenvertrag |
| Regionale Verfügbarkeit der Versorgung für junge Menschen | mindestens 12 von 32 Gesundheitsregionen mit drastischem Defizit |
| Aufnahmekapazität für neue Patient:innen | rund 40 Prozent der registrierten Ordinationen nehmen niemanden Neuen auf |
| Demografisches Risiko bei Ärzt:innen bis 2029 | rund 24 Prozent der Kinderpsychiater:innen und 37 Prozent der Erwachsenenpsychiater:innen vor der Pension |
| Budgetäres Interventionspaket Gesund aus der Krise | rund 50,12 Millionen Euro für 15 kurzfristige Sitzungen pro Jugendlicher oder Jugendlichem |
| Kosten privater psychiatrischer Versorgung für junge Menschen | von 1.500 bis über 20.000 Euro jährlich |
Was diese Zahlen in der Praxis bedeuten
90 Tage Wartezeit in Wien
Die Wiener Ärztekammer führte 2024 sogenannte Mystery Calls durch, verdeckte Anrufe bei Ordinationen, bei denen sich die Anrufer:innen als Eltern ausgaben, die einen Termin für ihr Kind suchten. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Ersttermin bei Kinder- und Jugendpsychiater:innen mit Kassenvertrag beträgt in der Hauptstadt inakzeptable 90 Tage. Drei Monate, in denen sich ein junger Mensch in einer akuten Phase dramatisch verschlechtern oder sich etwas antun kann.
40 Prozent der Ordinationen nehmen niemanden auf
Derzeit geben rund 40 Prozent der österreichischen psychiatrischen Ordinationen offen an, ihr absolutes Limit erreicht zu haben. Sie nehmen schlicht keine neuen, undiagnostizierten Patient:innen mehr auf. Eltern, die nach neun Absagen die zehnte Ordination anrufen, geben oft auf.
Die Pensionswelle vor dem System
Die demografische Lage im Fach ist alarmierend. Bis zum Jahr 2029, also innerhalb weniger Jahre, erfüllen rund 24 Prozent der derzeit aktiven Kinderpsychiater:innen und sogar 37 Prozent der Psychiater:innen für Erwachsene in Österreich die Voraussetzungen für die Alterspension. Werden die Ausbildungsquoten nicht radikal erhöht, wird die ohnehin ausgedünnte Personallandschaft noch löchriger.
Budgetpflaster statt Strategie
Als Reaktion auf die explodierenden Bedürfnisse junger Menschen infolge der Pandemielockdowns startete das österreichische Gesundheitsministerium das nationale Interventionsprojekt mit dem symbolträchtigen Namen „Gesund aus der Krise“. Über diesen Mechanismus stellte der Staat rund 50,12 Millionen Euro für kurzfristige Pakete mit je 15 kostenlosen psychologischen Sitzungen pro Jugendlicher bereit.
Der Rechnungshof kritisierte diesen Ansatz in seinem Bericht scharf. Das Argument ist klar: Mit Steuergeld direkt aus dem Bundesbudget dürfen keine strukturellen Versorgungslücken langfristig gestopft werden, für die per Gesetz die regulären Institutionen der Sozialversicherung (ÖGK und andere) zuständig wären. Fünfzehn Sitzungen sind keine Behandlung einer lebenslangen neurobiologischen Diagnose. Das ist Krisenhilfe, also etwas anderes.
Die Preise privater Versorgung
Die logische Folge des Kollapses des Kassensystems ist die massive Verlagerung von Patient:innen in den Privatsektor. Die Kosten für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen in renommierten privaten psychiatrischen Kliniken in Wien, Graz und Salzburg liegen zwischen 1.500 und über 20.000 Euro pro Jahr. Für eine durchschnittliche Familie ist das unerreichbar.
Es gibt einige isolierte Beispiele guter Praxis. Die Ambulanz für bipolare Störungen an der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) in Wien bietet strukturierte Psychoedukation, Übungen zum Umgang mit Stress sowie einen integrierten psychiatrisch-psychologischen Ansatz zu Preisen von rund 15 Euro pro Einheit. Solche Modelle zeigen, dass hochwertige Versorgung leistbar ist. Aber sie sind die Ausnahme, nicht die Regel.
Drei Dinge, die das System sofort tun müsste
Die Zukunft einer wirksamen Behandlung der bipolaren Störung hängt nicht primär von der Entdeckung einer neuen Wunderpille ab. Sie hängt von organisatorischen Entscheidungen ab. Drei Dinge müssten dringend passieren, nicht nur in Österreich.
Erstens: das Home Treatment Modell
Es ist absolut notwendig, die veralteten Modelle der isolierten stationären Versorgung hinter sich zu lassen. Multiprofessionelle Teams aus Sozialarbeit, Ergotherapie, klinischer Psychologie und Psychiatrie können Patient:innen mit einer akuten Episode im häuslichen Umfeld unter strenger medizinischer Supervision behandeln. Das verkürzt teure und traumatische Krankenhausaufenthalte. Es reduziert Stigma. Es lehrt die Familie, wie sie reagieren soll. Das ist kein Experiment, sondern ein erprobtes Modell, das seit Jahrzehnten in den skandinavischen Ländern und im Nordwesten Englands eingesetzt wird.
Zweitens: drastische Erhöhung der Ausbildungsquoten
Der Staat und die regionalen Ärztekammern müssen finanzielle Anreize für junge Assistenzärzt:innen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie schaffen. Ohne radikale Erhöhung der Quoten wird die Pensionswelle 2029 ein System zum Einsturz bringen, das jetzt schon bricht. Zusätzlich muss die frühe Psychiatrie in Gesundheitszentren und allgemeinmedizinische Ordinationen integriert werden. Hausärztinnen brauchen Werkzeuge und Schulungen, um frühe Anzeichen einer bipolaren Störung zu erkennen, nicht nur einer unipolaren Depression.
Drittens: Verfügbarkeit spezifischer Therapien
Die Dachverbände der Sozialversicherung (wie die ÖGK in Österreich) müssen die Zahl der Kassenordinationen radikal erhöhen und die Abdeckung spezifischer bipolarer Therapien sicherstellen. IPSRT, KVT und strukturierte Psychoedukation dürfen kein privates Privileg sein. Wer eine lebenslange neurobiologische Diagnose hat, braucht einen gesetzlich garantierten Zugang, keinen, der vom Einkommen der Eltern abhängt.
Der Name als Intervention: das Fazit der Serie
Kehren wir zum Titel zurück. Call Me By My Name. Nenn mich bei meinem Namen.
In fünf Teilen sind wir durch die Biologie der Erkrankung gegangen, durch die späte Diagnosestellung, die globalen epidemiologischen Trends, die alltäglichen Verwüstungen in Schule, Beruf und digitalem Raum und schließlich durch ein System, das nicht liefert, was es längst besitzt.
Der rote Faden ist einfach. Die bipolare Störung ist keine Identität. Die bipolare Störung ist eine Diagnose. Ein Mensch mit bipolarer Störung hat einen Namen, ein Leben, Pläne, Freund:innen, das Recht auf Arbeit, auf Liebe, auf Privatsphäre und auf angemessene Gesundheitsversorgung.
Wenn Medien einen erkrankten Menschen auf den Begriff „bipolar“ reduzieren, wenn die Familie sagt: „E ist halt bipolar“, wenn das System die Zahl 90 Tage zwischen ihm und dem ersten Termin festlegt, passiert immer dasselbe. Der Mensch geht verloren. Die Diagnose bleibt.
Veränderung beginnt mit der Sprache. Sie setzt sich im Zugang fort. Sie endet mit einem System, das liefert. Wenn die Medizin die Werkzeuge hat und das System sie hinter administrativen Türen verschlossen hält, stehen sie der Person nicht zur Verfügung, die sie braucht.
Jeder Mensch mit bipolarer Störung verdient es, zuerst beim Namen genannt zu werden. Und dann öffnen sich die Türen.
Wenn du Hilfe brauchst
Wenn du Muster aus dieser Serie bei dir wiedererkennst, ist der erste Schritt ein Gespräch mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt oder direkt mit einer Psychiaterin oder einem Psychiater. In Wien: Pro Mente Wien (https://promente-wien.at), die Ambulanz für bipolare Störungen der Sigmund Freud Privatuniversität sowie die Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AKH Wien. Telefonische Krisenberatung: 142 (Telefonseelsorge, rund um die Uhr, kostenlos). Wenn du dich in akuter Gefahr fühlst, ruf 144 an oder geh zur nächstgelegenen psychiatrischen Notaufnahme.

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Häufige Fragen
Warum ist eine Monotherapie mit Antidepressiva bei bipolarer Störung gefährlich?
Ein Antidepressivum ohne Stimmungsstabilisierer kann bei Menschen mit bipolarer Störung einen manischen Switch auslösen, das Zyklieren zwischen den Phasen beschleunigen oder gemischte Zustände hervorrufen, die das höchste Suizidrisiko aufweisen. Die aktuellen CANMAT- und RANZCP-Leitlinien schreiben deshalb bei jeder bestätigten bipolaren Diagnose ausdrücklich die gleichzeitige Gabe eines Stimmungsstabilisierers vor (etwa Lithium, Valproat, Lamotrigin oder atypische Antipsychotika).
Was ist IPSRT und warum ist sie eine Schlüsseltherapie bei bipolarer Störung?
IPSRT (Interpersonal and Social Rhythm Therapy) ist eine Psychotherapiemethode, die speziell für die bipolare Störung entwickelt wurde. Sie kombiniert die Stabilisierung zirkadianer Rhythmen (Schlaf, Ernährung, Bewegung) mit der Arbeit an zwischenmenschlichen Beziehungen, die als soziale Zeitgeber wirken. Klinische Studien zeigen, dass IPSRT in Kombination mit Pharmakotherapie die Zahl der Rückfälle deutlich senkt und stabile Phasen verlängert.
Wie lange muss man in Österreich auf einen Termin beim Psychiater warten?
Laut dem Bericht des österreichischen Rechnungshofs aus 2025 und der Mystery-Calls-Untersuchung der Wiener Ärztekammer aus 2024 beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Ersttermin bei Kinder- und Jugendpsychiater:innen mit Kassenvertrag in Wien 90 Tage. Rund 40 Prozent der registrierten Ordinationen nehmen keine neuen Patient:innen auf, und mindestens 12 von 32 Gesundheitsregionen verzeichnen ein drastisches Kapazitätsdefizit.
Quellen
Dies ist Teil 5 und der letzte Teil der Serie „Call Me By My Name“ auf iks.haus.
Rechnungshof Österreich. Kinder- und Jugendpsychiatrie, Planung und Versorgung. August 2025. Wiener Ärztekammer. Mystery-Calls-Studie zur Wartezeit bei Kinder- und Jugendpsychiatren. 2024. Malhi G. S. et al. Royal Australian and New Zealand College of Psychiatrists clinical practice guidelines for mood disorders. RANZCP, 2020. Yatham L. N. et al. Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT) guidelines for the management of patients with bipolar disorder. CANMAT, aktualisierte Ausgabe. Frank E. Treating Bipolar Disorder: Clinicians‘ Guide to Interpersonal and Social Rhythm Therapy. Guilford Press, 2005. Sigmund Freud Privatuniversität. Ambulanz für bipolare Störungen. https://psy-wien.sfu.ac.at

