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    FR, 26.06.2026 | 21:29
    Klimaangst in Wien

    Warum die Furcht ihre Berechtigung hat

    Wiener Forschung zeigt, warum Klimaangst eine verständliche Antwort auf reale Risiken ist.
    Balkengrafik zeigt 48 Prozent hohe Klimaangst bei junger Generation und unter 17 Prozent bei Babyboomern
    Balkengrafik zeigt 48 Prozent hohe Klimaangst bei junger Generation und unter 17 Prozent bei Babyboomern
    iks.haus | KI-generiert nach redaktioneller Konzeption, 2026 | EDITOR: iks.haus
    Mai 10, 2026

    Wenn du nachts an die Decke starrst und über Mikroplastik in deinem Blut, Hitzewellen, die jeden Sommer die Mariahilfer Straße schmelzen lassen, und das Gefühl nachdenkst, dass es bereits zu spät ist, gibt es eine gute Nachricht. Nein, du wirst nicht verrückt. Und nein, du übertreibst nicht. Wiener Forscher:innen der Universität Wien (UniWien) und der Wirtschaftsuniversität Wien (WU Wien) dokumentieren etwas, das die traditionelle Psychologie lange nicht zugeben wollte: Klimaangst ist keine Pathologie. Es handelt sich um eine rationale, evolutionär begründete Antwort auf eine objektive existenzielle Bedrohung.

    Und die Zahlen sprechen sehr deutlich.

    Eine Furcht, die nicht übertrieben ist

    Balkengrafik zeigt 48 Prozent hohe Klimaangst bei junger Generation und unter 17 Prozent bei Babyboomern

    iks.haus | KI-generiert nach redaktioneller Konzeption, 2026

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    Aktuelle Studien zeigen, dass beinahe 48,4 Prozent der jungen Menschen in den Zwanzigern über hohe Werte an Klimaangst berichten. Das ist viermal so viel wie bei der Babyboomer-Generation. Der Unterschied liegt nicht darin, dass junge Menschen empfindlicher oder dramatischer sind. Der Unterschied liegt darin, wer mit den Folgen tatsächlich leben wird. Menschen, die nach 1995 geboren wurden, werden eine Welt erben, die andere zur thermischen Kammer gemacht hat, während gleichzeitig von ihnen erwartet wird, dass sie die Hauptträger:innen der Transformation sind.

    Sabine Pahl, Professorin an der Forschungsgruppe für Urban and Environmental Psychology der Universität Wien, leitet ein Team, das seit Jahren die wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Umwelt untersucht. Ihre Forschung zeigt, dass das Bewusstsein für „unsichtbare Bedrohungen“ (Mikroplastik im Körper, Chemikalien in der Luft, Verlust der Biodiversität) eine spezifische Form von Angst erzeugt, die mit der körperlichen Integrität verknüpft ist. Anders gesagt: Es geht nicht nur um die Sorge um „den Planeten“. Es geht um die Sorge um den eigenen Körper, das eigene Atmen, das eigene Leben.

    Die Wiener Wissenschaft stellt die Frage, die andere vermieden haben

    Wien hat sich in den letzten Jahren als eines der europäischen Zentren für Umweltpsychologie etabliert. Uni Wien und WU Wien arbeiten parallel, aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

    Das Team von Peter Vandor, Martin Mehrwald und Fabian Hoboditesch an der WU Wien fokussierte sich auf den Schnittpunkt zwischen mentaler Gesundheit und Social Entrepreneurship. Ihre meistzitierte Studie „Don’t Look Up? The Effect of Role Models on Climate Anxiety and Climate Action“ deckte ein Paradox auf, das alle beunruhigen sollte, die meinen, Erfolgsgeschichten seien automatisch therapeutisch. Die Auseinandersetzung mit Vorbildern im Klimaaktivismus erhöht zwar das Vertrauen in Lösungen, steigert zugleich aber auch die Klimaangst. Der Grund? Reflexion über Vorbilder verringert die kognitive Distanz zur Krise und macht die Bedrohung persönlicher.

    Bottom Line ist einfach: Je mehr du über handelnde Menschen nachdenkst, desto weniger kannst du dich hinter Distanz verstecken.

    Zahlen, die man sich merken sollte

    Junge Person liest Klimadaten am Smartphone in stiller Konzentration und ohne sichtbares Gesicht

    iks.haus | KI-generiert nach redaktioneller Konzeption, 2026

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    Die Statistik zeigt eine präzise Generationsverteilung. Junge Generation (18 bis 28 Jahre): 48,4 Prozent haben große Angst. Millennials (29 bis 43 Jahre): rund 32 Prozent. Generation X (44 bis 59 Jahre): rund 21 Prozent. Babyboomer (60-plus): zwischen 11 und 17 Prozent. Das sind keine kleinen Zahlen. Das entspricht beinahe der Hälfte einer ganzen Generation, die nach österreichischen psychiatrischen Maßstäben klinisch relevanten Distress im Zusammenhang mit dem Klima erlebt.

    Was die rationale Furcht vor Pathologie unterscheidet, ist allerdings nicht die Intensität. Der Unterschied liegt in der Quelle. Traditionelle Angst entsteht oft aus verzerrter Kognition. Klimaangst dagegen entsteht aus wissenschaftlichem Konsens, sichtbaren Extremwetterereignissen und objektivem Kontrollverlust. Wenn du Feuer fürchtest, während dein Haus in Flammen steht, brauchst du keine Therapie. Du brauchst die Feuerwehr.

    Kognitive Dissonanz: Wenn Wissen und Handeln nicht zusammenpassen

    Studien von Wiener Forscher:innen zeigen, dass junge Konsument:innen oft häufiger fliegen als ältere Generationen, obwohl 41 Prozent von ihnen meinen, dass Flüge zum Schutz der Umwelt besteuert oder vermieden werden sollten. Das ist keine Heuchelei. Das ist kognitive Dissonanz in Aktion: Die Diskrepanz zwischen dem, was du weißt, und dem, was du tust, erzeugt ein dauerhaftes Schuldgefühl, das sich anstaut und das Potenzial hat, in dysfunktionale Lähmung umzuschlagen.

    Jörg Matthes und sein Team an der Uni Wien zeigen darüber hinaus, dass die junge Generation gegenüber Umweltbehauptungen von Unternehmen außerordentlich skeptisch ist. Konkrete Kompensationsversprechen wie „ein Baum gepflanzt für jeden Flug“ lösen bei jungen Menschen mehr Skepsis aus als bei älteren. Der Grund? Junge Menschen verstehen die Komplexität des Kohlenstoffkreislaufs und erkennen Greenwashing als Versuch, von der Notwendigkeit systemischer Emissionsreduktionen abzulenken.

    Wien hat eine Ressource, die andere europäische Städte in dieser Form nicht besitzen

    Eine Ende 2024 und Anfang 2025 durchgeführte Studie verglich Wien und Mailand hinsichtlich der Klimarisikowahrnehmung und der Nutzung von Grünflächen. Das Ergebnis? Wiener:innen nehmen städtische Parks als notwendige Pufferzone gegen Stress wahr. Hoher funktionaler und emotionaler Wert wird der Nähe zu Schönbrunn, Stadtpark, Augarten und einer unüberschaubaren Reihe kleinerer grüner Oasen zugeschrieben, die sich vom 2. bis zum 22. Bezirk erstrecken.

    In Mailand, wo die grüne Infrastruktur unzureichend ist, erhöhen Hitzewellen die Angst, weil die Bewohner:innen keinen Rückzugsort haben. Grünflächen ohne Schatten werden zu Hitzeinseln, die Menschen meiden. Wien hingegen integriert Klimaresilienz und mentale Gesundheit auf der Ebene der Stadtplanung. Das bedeutet, dass es kein Zufall ist, wenn du dich auf eine Bank im Volksgarten setzt und etwas in dir zur Ruhe kommt. Das ist Politik.

    Burnout bei jenen, die am meisten arbeiten

    Es gibt eine dunkle Seite dieser Geschichte, die selten erwähnt wird. Eine Studie unter mehr als 1.000 Gründer:innen sozialer Unternehmen aus 47 Ländern, die auch Mitglieder des Wiener Impact Hubs einbezog, deckte alarmierende Burnoutwerte auf. Junge Innovator:innen, motiviert von Klimazielen, leiden nicht nur unter beruflicher Erschöpfung. Sie leiden unter einer existenziellen Erschöpfung: dem Gefühl, „nicht genug zu tun“ im Kampf gegen die planetare Krise, selbst wenn sie 70 Stunden pro Woche arbeiten.

    Qualitative Interviews zeigen eine wiederkehrende Formulierung: „Wenn wir versagen, wird jemand zu Schaden kommen.“ Diese Art von Hyperverantwortung wird gesellschaftlich oft als aufgeklärt gelobt. In der Realität zerstört sie Menschen.

    Was das System tut (und was nicht)

    Der zweite österreichische Sachstandsbericht zum Klimawandel (AAR2), den das Austrian Panel on Climate Change (APCC) erstellt, hat begonnen, die mentale Gesundheit in nationale Strategieberichte zu integrieren. Aktive Mobilität in Wien, Graz und Linz kann nach Schätzungen zwischen 27 und 58 Todesfälle pro 100.000 Menschen jährlich verhindern, gesunde Ernährung kann ernährungsbedingte Todesfälle um 20 Prozent senken, und die Wärmedämmung von Wohnobjekten reduziert Energiearmut sowie die Furcht vor extremen Wetterbedingungen im eigenen Zuhause.

    Infografik zeigt drei Wiener Klimamassnahmen mit Gesundheitsgewinnen laut APCC Sachstandsbericht 2024

    iks.haus | KI-generiert nach redaktioneller Konzeption, 2026

    iks.haus | KI-generiert nach redaktioneller Konzeption, 2026

    Das Problem? Das Bildungssystem versagt nach qualitativen Umfragen weiterhin darin, junge Menschen auf die emotionalen und praktischen Herausforderungen der Krise vorzubereiten. Maturant:innen und angehende Lehrer:innen berichten von drei Haupthindernissen: oberflächlicher Themenbearbeitung, fehlendem praktischem Handeln und emotionaler Vernachlässigung in den Lehrplänen. Schüler:innen lernen über Katastrophen, bekommen aber selten Werkzeuge zur Mitwirkung an Lösungen.

    Wut ist produktiver als Furcht

    Die letzte Erkenntnis Wiener Forscher:innen ist vielleicht die wichtigste. Emotionen wie ökologische Wut (Eco-Anger) sagen die Teilnahme an kollektiven Aktionen besser voraus als die Furcht selbst. Wenn Angst als Signal von Empathie und Sorge erkannt wird, hört sie auf, zur Last zu werden. Sie wird zum Treibstoff.

    Das bedeutet: Die Frage lautet nicht „Wie werde ich die Klimaangst los?““ Die Frage lautet: „Wie kanalisiere ich sie in Handlungen, die jene nicht zerbrechen, die handeln?“

    Drei Empfehlungen aus der Forschung:Die Die

    Verbindung zu anderen verringert das Gefühl der Isolation. Lokales Handeln hilft beim Umgang mit Erwartungen, weil das „große Bild“ auch die Stärksten überflutet. Strukturierte Unterstützungssysteme (Therapie, Peergroups, Gewerkschaften für Klimaarbeitende) sind für jene unverzichtbar, die am aktivsten sind.

    Was jetzt?

    Klimaangst wird nicht verschwinden. Im Gegenteil, sie wird nach allen Maßstäben weiter steigen, besonders mit zunehmenden Extremwetterereignissen. Was Wiener Forscher:innen aber klar sagen: Die Furcht ist rational, der Distress ist legitim und die Lösung liegt nicht in individueller Therapie, sondern in systemischer Veränderung.

    Anders gesagt: Wenn du Angst hast, kannst du die Zeichen lesen. Bleibt nur die Frage, was du mit diesem Wissen anfängst.

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