österreichs inklusives magazin

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Von der Rampe zur strukturellen Demokratie

Wie das Wiener Projekt INCLUDE politische Teilhabe neu definiert

Das Wiener Projekt INCLUDE von MOVEO macht politische Teilhabe messbar. Praktische Werkzeuge für Entscheidungsträger bauen strukturelle Hürden ab.

Während marginalisierte Gruppen und Menschen mit Behinderungen in politischen Reden allgegenwärtig sind, bleibt ihre tatsächliche Einbindung in Entscheidungsprozesse oft unsichtbar. Das von Wien aus geleitete EU-Projekt INCLUDE setzt hier an: Echte Teilhabe ist kein Akt der Höflichkeit, sondern ein Grundrecht und das Fundament guter Regierungsführung.

Im modernen politischen Diskurs gibt es eine Falle, in die viele Entscheidungsträger tappen: die Gestaltung der Politik für den „Durchschnittsbürger“. Das Problem ist, dass dieser Durchschnittsbürger in der Realität nicht existiert. Unsere Welt besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Körpern, kognitiven und sensorischen Fähigkeiten sowie unterschiedlichen Lebensumständen. Wenn politische Maßnahmen und öffentliche Dienstleistungen auf einen fiktiven Durchschnitt zugeschnitten werden, ist das Ergebnis vorhersehbar – sie gehen an die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen vorbei.

Entscheidungen werden zu oft ohne diejenigen getroffen, die am stärksten betroffen sind. Konsultationen finden häufig zu spät statt, wenn die Weichen bereits gestellt sind. Öffentliche Versammlungen sind physisch unzugänglich, Informationen sind hinter unverständlichem Behördenjargon verborgen und Rückmeldekanäle sind weder barrierefrei noch vertrauenswürdig. Die Folge ist wachsender Zynismus und politischer Apathie.

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, hat der Wiener Verein MOVEO (Verein für soziale Nachhaltigkeit und Inklusion) das europäische Projekt INCLUDE ins Leben gerufen. Das Ziel ist klar definiert: Inklusion weg von politischer Ästhetik und Symbolik hin zu einer messbaren, alltäglichen Praxis zu führen.

Wien und die neue Grenze der Inklusion

Wien ist eine Stadt mit einer starken Tradition des bürgerschaftlichen Engagements und einer exzellenten öffentlichen Infrastruktur. Doch selbst hier macht Inklusion oft an der Bordsteinkante oder am Aufzug Halt. Das Projekt INCLUDE postuliert, dass die politische Partizipation die „nächste große Grenze“ der Barrierefreiheit darstellt.

Die Logik ist simpel: Wer den Raum nicht betreten kann, kann nicht mitreden. Doch das Gegenteil ist ebenso wahr: Selbst wer im Raum ist, bleibt ausgeschlossen, wenn das Format der Sitzung die eigenen Bedürfnisse ignoriert.

Die Barrieren im politischen Leben sind zahlreich, für Nicht-Betroffene jedoch oft unsichtbar:

  • Veranstaltungen ohne Induktionsschleifen oder Gebärdensprachdolmetschung.Dokumente voller Fachjargon und komplexer Rechtssprache.Digitale Inhalte und Umfragen, die nicht mit Screenreadern kompatibel sind.Sitzungszeiten, die pflegende Angehörige oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen ausschließen.Ein Mangel an Rückzugsräumen für neurodivergente Menschen.

INCLUDE betrachtet diese Hindernisse nicht als bedauerliche Zufälle, sondern als Designfehler. Das Projekt fordert die Menschen nicht auf, „aktiver zu werden“, sondern arbeitet daran, das System so umzugestalten, dass Aktivismus überhaupt erst möglich wird.

„Partizipation ist kein Gefallen, den der Staat seinen Bürgern zuteilt. Sie ist ein Grundrecht und zugleich die Voraussetzung für eine effiziente Verwaltung.“ Exklusion ist das, was teuer und langsam ist, da sie zu mangelhaften Gesetzen, öffentlichem Widerstand und gescheiterten Projekten führt.“

Zwei parallele Säulen: Empowerment und Werkzeuge für Institutionen

Das Projekt stützt sich auf zwei komplementäre Strategien:

Die erste Säule ist das Empowerment der Bürger. Für Menschen mit Behinderungen und für marginalisierte Gruppen wird Empowerment oft fälschlicherweise auf bloße Motivationsarbeit reduziert. INCLUDE definiert es hingegen als Kombination aus Kapazität und Zugang. Kapazität bedeutet zu verstehen, wie ein Budget erstellt wird, wie ein Antrag zum Gesetz wird und wie man die eigene gelebte Erfahrung in eine strukturierte politische Forderung übersetzt. Zugang bedeutet, die Formate sicherzustellen, in denen diese Forderungen gleichberechtigt eingebracht werden können.

Die zweite Säule ist die Ausstattung der Entscheidungsträger. Viele Institutionen, Parteien und Kommunalverwaltungen wollen Bürger beteiligen, wissen aber oft nicht, wie. INCLUDE bietet ihnen konkrete Werkzeuge (Toolkits), um „Tokenismus“ (bloße Scheinteilhabe im Fotoalbum) zu vermeiden und stattdessen eine frühzeitige, sinnvolle Einbindung zu etablieren.

Forschung „mit den Menschen“ statt „über die Menschen“

Die Methodik von INCLUDE bricht mit dem traditionellen akademischen Ansatz ab. Anstatt marginalisierte Gruppen als Forschungsobjekte zu betrachten, setzt das Projekt auf partizipative Forschung. Das bedeutet, dass Betroffene und Vertreter der Gemeinschaften selbst die Forschungsfragen definieren. Sie sind keine bloßen Auskunftspersonen, sondern Co-Autoren der Lösungen.

Nach der Phase der Bedarfsanalyse auf lokaler Ebene durchlaufen die entwickelten Lösungen Fokusgruppen und einen doppelten Testlauf:

  1. Die Zielgruppen testen, ob die entwickelten Formate und Werkzeuge in der Praxis tatsächlich barrierefrei und nutzbar sind.Die Entscheidungsträger (Beamte, Politiker, Projektmanager) testen, ob diese Werkzeuge innerhalb der realen budgetären und zeitlichen Rahmenbedingungen einer Institution anwendbar sind.

Dieser duale Ansatz ist entscheidend: Ein perfektes inklusives Tool, das operativ nicht umsetzbar ist, bleibt wirkungslos. Ein Tool, das nur der Verwaltung gefällt, aber das Vertrauen der Bürger nicht gewinnt, wird scheitern.

Was beinhaltet das „Toolkit“ für Entscheidungsträger?

Hinter dem Begriff „Toolkit“ verbirgt sich keine abstrakte Broschüre, sondern ein Set an operativen Instrumenten:

  • Inklusives Veranstaltungsdesign: Schritt-für-Schritt-Checklisten für Orte und Formate.Kommunikationsstandards: Leitfäden für Leichte Sprache und barrierefreie digitale Plattformen.Alternative Input-Methoden: Möglichkeiten für Feedback von Bürgern, die nicht an schnellen, verbalen Debatten teilnehmen können.Feedback-Loops: Mechanismen, die Institutionen verpflichten, transparent darzulegen, wie der Input der Bürger das Endergebnis beeinflusst hat.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf politischen Kampagnen. Hier werden Agenden festgelegt, lange bevor ein Gesetz das Parlament erreicht. Wenn Kampagnen unzugänglich sind, werden bestimmte Gruppen bereits im Vorfeld von der politischen Agenda ausgeschlossen. INCLUDE unterstützt Kampagnenteams dabei, Inklusion von Anfang an in die Planungsroutine zu integrieren.

Einladung an die Wiener Stakeholder

Wien dient als ideales Testfeld für diese Methoden. Mit ihrem dichten Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen und einer stabilen Verwaltung kann die Stadt Modelle entwickeln, die europaweit Vorbildcharakter haben.

Der Verein MOVEO lädt Bezirksverwaltungen, politische Akteure, NGOs und Behindertenorganisationen in Wien ein, Teil des Projekts zu werden. Der Aufruf richtet sich an diejenigen, die bereit für praktische Veränderungen sind: Werkzeuge testen, Barrieren benennen und neue Standards setzen.

Am Ende wird der Erfolg von INCLUDE nicht an der Zahl der gedruckten Berichte gemessen, sondern an kleinen, systemischen Veränderungen, die zum Standard werden. Erfolg ist, wenn eine Bezirksvertretung das Format einer Bürgerversammlung so ändert, dass Menschen zu Wort kommen, die zuvor nie gehört wurden. Inklusion wird nicht durch ein einzelnes Event gelöst – sie entsteht durch wiederholte Praxis und klare Standards. INCLUDE wurde genau für diese Arbeit entwickelt.

Über MOVEO:

Der in Wien ansässige Verein MOVEO arbeitet an der Schnittstelle zwischen Inklusion, Barrierefreiheit und praktischer Umsetzung. Durch Schulungen, Beratung und europäische Kooperationsprojekte unterstützt MOVEO öffentliche und private Institutionen dabei, gute Absichten in messbaren gesellschaftlichen Wandel zu verwandeln.

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